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"Muss das denn sein?" Teil 1

Glaubensimpuls 516 von Gregor Dalliard

Am vorletzten Montag fuhr ich mit dem Zug von Teisendorf über München Zürich zurück nach Brig. In Zürich musste ich umsteigen. Kaum hatte ich mich im Zug von Zürich nach Brig eingerichtet, viel mein Blick auf eine Frau im Abteil vorne rechts. Ich bückte mich leicht nach vorne um sicherzugehen. In demselben Augenblick schaute sie zu mir herüber und fragte: “Bist du der Gregor?” Unser Gesprächsaustausch dauerte von Zürich bis Brig. Das sind rund 2 Stunden. Zuerst erinnerten wir uns an die interessanten und schönen Begebenheiten in Zermatt. Die weniger schönen Begebenheiten waren weitgehend vergessen. Sie war damals im Jugendverein aktiv, ich war Präses. Regelmässige Ausflüge und leichtere Bergbesteigungen gehörten zum Programm, ebenso Skitouren im Winter.

Mir fiel damals ihre Offenheit für “biblische” Themen auf. Warum ich das Wort “biblisch” in Anführungszeichen setze hat folgenden Grund: Als frisch gebackener Priester war ich voller Überzeugung, dass wir die Ereignisse, wie sie uns vor allem in den ersten 4 Kapiteln der Apostelgeschichte geschildert werden, unbedingt wieder erleben sollten und könnten. Wie kam es zu dieser Denkweise? Die Bibel spielt in der theologischen Ausbildung keine zentrale Rolle. Das “Neue Testament” (NT) gilt offenbar als die neue Bibel der Christen, weil das “Alte Testament” angeblich überholt ist. Es bedurfte anscheinend weiterer Lehrentscheidungen, die vor allem auf den ersten Konzilien, aber auch auf späteren Konzilien und Synoden getroffen wurden, angefangen von der Trinitätslehre im 4. Jh. bis hin zum Dogma Mariä leiblicher Himmelfahrt vom Jahre 1950. Da aber im TaNaCH, im “AT”, alles enthalten ist, was ein erlöstes und gesegnetes Leben mit JaHuWaH ausmacht, braucht es kein “NT”. Unter “Bibel” verstanden wir in jenen Tagen das “NT”, darum setze ich, wenn vom “NT” die Rede ist, “Bibel” oder “biblisch” eben in Anführungszeichen.

In meinen zwei letzten Studienjahren in Freiburg (Fribourg) und Luzern kam ich mit der katholisch-charismatischen Bewegung in Kontakt. Anfänglich stand ich dieser neuen Bewegung total ablehnend gegenüber. Sie passte absolut nicht in die Tradition und das theologisch-dogmatische Lehrgebäude der katholischen Kirche hinein. Ich empfand sie als Angriff auf die katholische Rechtgläubigkeit.
Wie schon andernorts gesagt, überzeugte mich der gegenwärtige Kardinal von Wien von dieser neuen Bewegung. Er dozierte damals als junger Priester an der theologischen Fakultät in Fribourg und er war mein Beichtvater. Regelmässig besuchte ich seine “Bibel”-Anlässe. Wie es so schön heisst: “Steter Tropfen höhlt den Stein”. Das harte, unantastbare Selbstverständnis der klerikal-triumphalistischen Kirche bekam seine ersten Risse in meinem Glaubensleben, obwohl ich mir dessen noch gar nicht bewusst war.
Begeistert von den ersten 4 Kapiteln der Apostelgeschichte warf ich mich mit meinem ganzen jugendlichen Elan in die Pfarreiarbeit, in Predigt, Religionsunterricht und Seelsorge. Erst lange später wurde mir klar, dass nur der TaNaCH, die Bibel des Jahushua von Nazareth, rechtlich Bibel genannt werden darf. Jede andere Schrift, die sich als Bibel bezeichnet, wie etwa das “NT”, ist eine verzerrte Form des TaNaCHs, des “ATs”, der biblisch-prophetischen Zusammenhänge.
In dieser Begeisterung und in diesem Eifer für die katholische Kirche lernten mich die Zermatter kennen. 1983 wurde ich zum Pfarrer von Grächen ernannt. Automatisch wurden die Kontakte zu Zermatt immer weniger. Nun, was stellte sich heraus? Mein Visavis im Zug las später meine Gims, die ich seit 2011 schreibe. Damals schrieb ich sie noch im christlich-dogmatischen Kontext, im “neutestamentlichen” Geist. Meine Glaubensüberzeugung hat sich aber im Laufe der letzten Jahre stetig vertieft. Das verdanke ich den jahrzehntelangen Kontakten mit fast allen Richtungen der christlichen Kirchen und Gemeinschaften in Europa. Ich betone: Richtungen! In meinen Seminaren, Vorträgen, Predigten und zahllosen Diskussionen lernte ich ihr Glaubensdenken, ihre Theologie und Lehre von innen her kennen. Die Herausforderungen waren enorm. Sie drängten mich zu einem vertiefteren Bibelstudium, ebenso zu einem erneuten und vertiefteren Studium der geschichtlichen Ereignisse, in denen und aus denen das Christentum entstand und sich schliesslich als die klerikale und triumphale Herrschermacht in Europa durchgesetzt hatte.

Nun, mein Visavis brach die Lektüre meiner Gims vor wenigen Monaten ab. Sie meinte, dass wir nach vorne schauen sollten. Ich würde anders als damals in Zermatt fast nur noch rückwärts schauen. In meinen Gims sei nur noch die Rede von der falschen Lehre des Paulus und den Irrtümern der Kirchenväter, die zu der ganzen Judenverfolgung und schliesslich zum Holocaust geführt hätten. “Muss das denn sein?”, fragte sie. In unserer modernen, aufgeklärten Welt wäre es endlich an der Zeit, diese Themen abzuhaken.
Wieder einmal konnte ich das “Unkraut” in meinem Garten als Beispiel zu Hilfe nehmen, das immer und immer wieder aufbricht und alles zu überwuchern droht, wenn ich es nicht mit den Wurzeln ausreisse. Solange es nur abgerissen wird, schlägt es immer und immer wieder aus und richtet hinter meinem Rücken neues Unheil an. Jedenfalls hat sie im Laufe der letzten Jahre begriffen, was die Wurzeln des Holocaust sind, wo sie zu suchen und zu finden sind, aber nicht wie man persönlich mit diesen Wurzeln fertig werden sollte. Das kann ich ja wohl sehr gut verstehen, denn diese Wurzeln sind verwirrend fest ineinander verflochten und verwoben, sie reichen und wirken in die tiefsten Abgründe des religiösen Lebens hinein.

Ich fragte sie, ob sie Grosskinder hätte. Begeistert sprach sie von ihren beiden Herzkäfern, wie sie die Kleinen nannte. Ich fragte sie, wie sie reagieren würde, wenn Menschen ein schweres unfassbares Leid über Zermatt brächten, Familien auf eine unvorstellbar brutale Weise zerstörten, Kinder ihren Eltern entrissen, die allein gelassen auf Strassen und Gassen umher irren und schliesslich zur Umerziehung in Heime gesteckt würden. Seit der Machtergreifung des Christentums ist Abermillionen Kindern im Laufe der letzten 1'600 Jahre dieses grauenhafte Leid widerfahren. In den Jahren des Holocaust erreichte diese grauenvolle Leid ein nicht zu fassendes Ausmass, und das im ganzen christlichen Europa und darüber hinaus. Dies ist ein unbeschreibliches Leid, gezeugt und geboren in und aus der Theologie bzw. Ideologie des Paulus und der Kirchenväter. Tief betroffen von diesen furchtbaren Geschehnissen, die ganz Europa erfasst hatten und ein solch entsetzliches Ausmass erreichen konnte, sagte sie, dass sie, angeregt durch meine Gims, wohl schon darüber nachgedacht hätte. Ein solches Bemühen aber schien ihr schon immer aussichtslos zu sein, darum hätte sie sich nie gründlicher damit beschäftigt.

Ich fragte sie: “Wann verabschieden sich die Christen vom Karfreitag?" Sie sah mich ungläubig an und sagte: “Das kannst du wohl vergessen”. Jedes Jahr werden Milliarden getaufter Menschen genau an diesem Tag mit dem Virus eines religiösen Wahns, dem Antisemitismus, neu angesteckt. Wenn sich die Getauften definitiv vom Karfreitag lossagen werden, dann werde ich mich definitiv von den Hinweisen auf die antijüdischen Irrtümer des Paulus und deren Folgen lossagen. Ebenso werde ich mich von den Hinweisen auf die folgenschweren Irrtümer der Kirchenväter und vom Hinweis auf den Holocaust lossagen. Sie hatten ein unermessliches Leid für Kinder und Jugendliche zur Folge. Ein Leid, das in dieser frommen Konzeption jederzeit wieder um sich greifen kann. So lange diese Wurzeln nicht samt und sonders ausgerottet werden, so lange wir unseren Beitrag dazu nicht leisten und alles fromm übertünchen, kann uns jederzeit wieder ein solches unberechenbares und grenzenloses Leid überrumpeln. Wir sollten das fromme Wesen des Menschen nicht überschätzen. Darum richten wir uns nach den Weisungen JaHuWaHs aus: “Deine Wege, JaHuWaH, tue mir kund, deine Pfade lehre mich! Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich, denn du bist der ELOHIM (der Wegführer) meines Heils; auf dich harre ich den ganzen Tag” (Ps 25,4-5).

Allen wünsche ich einen gesegneten Shabbat. Shalom und herzliche Grüsse

Gregor Dalliard

Ankündigungen

Voranzeige: Wir laden dich herzlich zu unserem nächsten Bibeltreffen in Finsterhennen ein, am 19. September 2021 um 14.00 Uhr. Martin und Kornelia Hunzinger, 2577 Finsterhennen, Allmenhag 2, 032 396 34 03, info@imkerei-hunzinger.ch. Wir freuen uns ganz fest auf die gemeinsame Zeit! Shalom!

In unregelmässigen Abständen publiziere ich Lebensimpulse (Lims).