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"Gepriesen sei der König, der da kommt im Namen des Herrn!" (Lk 19,38) "Kreuzige, kreuzige ihn!" (Lk 23,21)

Antwort von Gregor Dalliard auf Leserfrage 1

(Leserfrage per Mail) ….Sie haben uns damals als Priester aufgefordert in der Bibel zu lesen. Anfänglich fanden wir das sehr komisch. Das war für uns Katholiken etwas völlig Neues. Wir hatten ja den Katechismus, den Papst und den Pfarrer, das genügte. Ich bin zwar katholisch und möchte das auch bleiben. Da ich aber nun schon seit Jahren in der Bibel lese und auch geschichtliche Quellen heranziehe, werde ich immer wieder stark verunsichert, vor allem jetzt in der Osterzeit. Jedes Jahr, bei allen drei Lesejahren A,B,C, liest die Kirche am Palmsonntag und in den Karwochengottesdiensten die gleichen Lesungen [Palmsonntag ist der Sonntag vor Ostern].
Nun bin ich ziemlich verunsichert über das, was der Evangelist Lukas und die anderen Evangelisten in ihren Evangelium schreiben. Als Jesus zum Pessachfest nach Jerusalem kam brach bei den bereits anwesenden Juden, eine solche Begeisterung und Freude aus, dass sie ihm sogar ihre Kleider zu Füssen legten und riefen: “‘Gepriesen sei der König, der da kommt im Namen des Herrn!’ Friede im Himmel und Herrlichkeit in der Höhe!” (Lk 19,38). Am besten man liest den ganzen Text Lk 19,28-40.

Dann aber lesen wir, was sich in der gleichen Woche in Jerusalem zugetragen hatte: “Sie aber schrien dagegen und sagten: “Kreuzige, kreuzige ihn!” (Lk 23,21). Er (Pilatus) aber sprach zum dritten Mal zu ihnen: Was hat dieser denn Böses getan? Ich habe keine Ursache des Todes an ihm gefunden” (Lk 23,21-23). “Und das ganze Volk antwortete und schrie: “Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!” (Mt 27,25). Das kann doch einfach nicht stimmen: In der gleichen Woche kippte die Haltung der Volksmasse Jesus gegenüber so radikal. Sie schrien so etwas Schreckliches.
Aus den geschichtlichen Quellen wissen wir doch wie grausam Pilatus den Juden gegenüber war: “Zu dieser Zeit waren aber einige zugegen, die ihm (Jesus) von den Galiläern berichteten, deren Blut Pilatus mit ihren Schlachtopfern vermischt hatte” (Lk 13,1). Nun wird in allen Evangelien Pilatus zum Verteidiger Jesu, während alle Juden ihn innert ein paar Stunden foltern und töten lassen wollen. Das kann einfach nicht möglich sein.

Das Leid der Juden unter der Besatzung der Römer ist mir an Ostern von Jahr zu Jahr immer bewusster geworden. Wenn ich alles eingehend überdenke und geschichtliche Fakten herbeiziehe, wage ich zu sagen: Es ist so ziemlich dem gegenwärtigen Leid der Ukrainer gleich, das sie durch die grausamen und qualvollen Methoden Putins gegenwärtig erleben. Ich kann mich mit den Berichten der Evangelisten einfach nicht mehr abfinden. Ich werde als guter Katholik während der Karwoche an keinem der Gottesdienste teilnehmen, an Ostern werde ich wieder dabei sein. Ich musste mich an jemanden wenden…. Soweit der Leserbrief über Mail!

Das würde zu weit führen, wollte ich auf diesem Weg alle Hintergründe dieser Umdeutung der geschichtlichen Ereignisse durch die Schreiber der “Evangelien” eingehen. Das habe ich bereits des Öfteren in den Glaubensimpulsen gemacht. Sie können sich zu diesem Thema über meine Glaubensimpulse eingehender damit auseinandersetzen. Hier….

Es ist und bleibt für Christen “gefährlich” sich mit der Bibel, oder mit dem was ein Christ unter Bibel versteht, auseinanderzusetzen. Sagen wir es so: Kein Christ darf über den Zaun des christlichen Bibelverständnisses hinausgehen. Einem Christen wird durchgehend ein völlig verfälschtes antijüdisches Bibelverständnis (“AT”) indoktriniert. Dieses verfälschte, verzerrte antijüdisches Bibelverständnis (“AT”) wird als die biblische Wahrheit gelehrt. Dieses Bibelverständnis habe auch ich viele Jahrzehnte lang geglaubt, verteidigt und gelehrt. Dieses falsche Bibelverständnis baut auf der Lehre des Paulus auf, der behauptet sein “Evangelium” durch Offenbarung und Visionen von der auferstandenen Gottheit Jesus Christus direkt empfangen zu haben. Jeder, der seinem “Evangelium” nicht glaubt wird von ihm verflucht (Gal 1,8-9).
Seine Jünger haben darauf aufgebaut. Anfänglich verfolgten die Römer die Anhänger des Paulus grausam, bis sie erkannten, dass der König der Christen, Jesus Christus, zu der von Paulus und seinen Jüngern angesagten Zeit, also unmittelbar nach der angeblichen Auferstehung, gar nicht gekommen war siehe Gim 161. Die Römer vermuteten einen geheimen Untergrund-König unter den Christen. Die christlichen Führer, schockiert und frustriert über das Ausbleiben ihres Königs Jesus Christus, waren nicht verlegen, denn die umgehende (sofortige) Wiederkunft ihres Gottes Jesus Christus blieb sowohl im ersten als auch im zweiten und dritten Jahrhundert aus.
Neutestamentliche Texte wurden inzwischen inhaltlich überarbeitet und der neuen Situation angepasst. Das zeigt uns etwa 2Petr 3,1-10, nachdem viele Getaufte irritiert und frustriert ihre Führer fragten: “Wo ist die Verheißung seiner Ankunft”? (2Petr 3,4). Sie legten verschiedene Aussagen in den Mund Jesu. Sie liessen den Auferstandenen sprechen: “Wacht also! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt…. Denn in der Stunde, in der ihr es nicht meint, kommt der Sohn des Menschen. (Mt 24,42.44). Darauf verbündeten sie sich definitiv mit den Römern. Sie wurden ein Herz und eine Seele gegen die Juden.

Die christlichen Führer verfälschten also ihre Überzeugung und Predigt von der unmittelbaren Wiederkunft Jesu Christi. Mit allen Mitteln versuchten sie später das Wirken und Leben des Juden Jahushua von Nazareth mit dieser Lehre in Einklang zu bringen. Das gelang ihnen, denn steter Tropfen höhlt den Stein!
Der Missbrauch des prophetischen Wortes wird einem Christen erst durch ein unvoreingenommenes und gewissenhaftes Bibelstudium erschlossen. Wie schon andernorts gesagt, stauchten Papst Damasus und der Kirchenvater Hieronymus die vielen “Evangelien” (vgl. Lk 1,1-4) im 4. Jh. auf vier zusammen. Sie wurden römerfreundlich umgeschrieben und als “NT” verfasst.
Dieses römerfreundliche antijüdische “NT” wurde von den Bischöfen (Päpsten) in Übereinstimmung mit den römischen Kaisern als verbindliches und unantastbares Glaubensbekenntnis zum Gesetz für alle Christen im römischen Reich verankert. Daran halten sich alle Christen bis zu dieser Stunde. Dieses päpstliche “NT” ist für die Christen genau so unantastbar wie für die gläubigen Hindus die Kuh. Geschichtliche Fakten hin oder her.

Gregor Dalliard

Ankündigungen

Wir laden dich herzlich zu unserem nächsten Bibeltreffen in Finsterhennen ein auf Samstag, den 17. Dezember 2022 um 14.00 Uhr. Martin und Kornelia Hunzinger, 2577 Finsterhennen, Allmenhag 2, 032 396 34 03, k.hunzinger@sunrise.ch). Wir freuen uns ganz fest auf die gemeinsame Zeit! Shalom!

In unregelmässigen Abständen publiziere ich Lebensimpulse (Lims).

Unter dem Kennwort Fragen Leserfragen (Lefs) möchte ich neu auf Leserfragen eingehen. Dabei werde ich auch aufschlussreiche und weiterführende Zusammenhänge anderer zu wichtigen biblischen Themen veröffentlichen.