Yom Kippur, der Versöhnungstag,

Glaubensimpuls 209

Am zehnten Tag nach Rosh HaShana (Kopf des Jahres, jüdischer Neujahrstag) feiert das auserwählte Volk, das Volk des JaHuWaH, allgemein das Volk Gottes genannt, das Versöhnungsfest Jom Kippur. Er ist der höchste Feiertag und beginnt am 22. abends und dauert bis zum 23. abends (vgl. 3Mo 16,26-32; 23,26-32; 4Mo 29,7-11). Die Versöhnung mit JaHuWaH gibt es nicht ohne dass die zwischenmenschlichen Beziehungen in Ordnung gebracht werden. Dieses Lebensprinzip gehört zumindest seit der Existenz der Thora zum Herzstück, zum Zentrum, des israelitisch-jüdischen Lebens. Die Thora ermahnt uns, JaHuWaH, unseren Schöpfer, zu lieben „denn er ist EINER und keiner ausser ihm“ (5Mo 4,35.39).** D.h. er allein gibt den Menschen, seinen Geschöpfen, die Regeln des Zusammenlebens, ohne die keine Gesellschaft menschenwürdig leben kann.

Damit gibt er dir den Platz und die Menschenwürde, die dir privat und und in der Gesellschaft gebührt. Dazu gab er die Rechte des Zusammenlebens. JaHuWaH lieben heisst den Nächsten lieben, weil er die gleichen Bedürfnisse, Rechte und Lebenserwartungen hat wie ich</strong> (vgl. 5Mo 6,4-5.12-13; 3Mo 19,18). Das war das Lehrprogramm aller Propheten JaHuWaHs. Übrigens, wohlgemerkt: auch das des Juden Jahushua von Nazareth und seine Schüler (Jünger) (vgl. Mk 12,29-33). Sie lehrten keine anderen Lebensprinzipien.

Die Versöhnung mit JaHuWaH fällt uns offenbar leichter, als die Versöhnung mit dem Nächsten. Allerdings nur dann, wenn wir die Weisungen der Thora ausser Acht lassen. Doch das geht nicht. Die Versöhnung mit dem Nächsten ist ein äusserst heikles Thema. Wer kennt schon alle Zusammenhänge des menschlichen Zusammenlebens. Sie sind so vielfältig und differenziert wie das Aussehen der Menschen selbst vielfältig und differenziert ist. Eine Masse von Wissenschaftlern erforscht heute das menschliche Zusammenleben. Haufenweise, ja tonnenweise fahren sie mit ihren Erkenntnissen und Hilfsprogrammen auf und lehren uns wie dieses Zusammenleben nach allen ihren Erkenntnissen aufs Beste funktionieren müsste.

Doch wie sieht die Realität aus? Es gab noch nie mehr zutiefst verfahrene und zerstrittene Situationen unter den Nächsten und zerrüttete Ehen wie in unseren Tagen. Das menschliche Zusammenleben war noch nie so ausser Kontrolle geraten wie in unseren Tagen. Ein Heer von Psychiatern, Anwälten und Fachpersonen auf allen Gebieten des menschlichen Zusammenlebens wartet täglich und nächtlich in den Startlöchern ihrer Praxen und Büros. Gierig rennen sie ihrem einträglichen Gewerbe nach. Natürlich gibt es unter ihnen aufrichtige Menschen, die schon manchem geholfen haben, das will ich nicht in Abrede stellen.

Wir leben mit unseren Nächsten mehr oder weniger täglich zusammen. Jeder scheint den andern zu kennen. Wir kennen das Verhaltensmuster des andern und reagieren entsprechend – nach unserem Verhaltensmuster!! Auf die altbekannte Reaktion folgt die altbekannte Gegenreaktion – wie schon „immer“. Immer in demselben Rhythmus – wie auf den Knopf gedrückt. Eine festgefahrene tiefe ausgeleierte Lebensspur. Wie kann hier Versöhnung gelebt werden?

Eine Frau, über achtzig, schon seit einigen Jahrzehnten mit ihrem Mann verheiratet, bewundere ich ganz besonders. Seit Jahren kenne ich sie. Ihr Mann setzt sich in allem durch, ohne dass er das zu realisieren vermag. In allem hat er das erste und das letzte Wort. Manchmal wird sie in Gegenwart anderer nicht gerade sanft zurechtgewiesen – unangebracht! Doch sie verhält sich vorbildlich. Etwas verärgert sprach ich sie einmal darauf an. Weisst du, meinte sie, das ist eine Sache der Wertung und des Umgangs. Ich kenne sein Wesen. Würde ich alles wie eine heisse Brühe empfinden und entsprechend reagieren wäre ich längst schon ab- und ausgebrannt. Ich nehme das nicht so ernst. Ja, und wie machst du das? Das Rezept dazu ist mein biblischer Glaube. Er hält mich frei, denn locker und doch hartnäckigig danke ich jeden Tag für die guten Seiten meines Mannes, egal welchen Unsinn er wieder geboten hat. Ich lernte damit umgehen und leben, denn er hat auch seine guten Seiten. So bin ich inmitten meines täglichen Umfeldes eine freie Frau geblieben.

Das Geheimnis der Versöhnung mit dem Nächsten setzt wohl hier an. Die Versöhnung setzt in meinem Herzen an. Wie sehe ich den Nächsten? Was mache ich aus ihm? Indem ich täglich für meine Nächsten danke, auch für jene, die mich nicht gut behandeln oder von denen ich mich nicht gut behandelt fühle, verändert sich der Umgang. Zu meinem angeblichen „Nachteil“!! kenne ich meine nächsten Mitmenschen nur zu gut und vermute eigentlich eher das Schlechtere. Vielleicht liegen Prozesse, Gerichte, folgenschwere Fehlurteile, Unterdrückung, Betrug, Benachteiligung – und was es im Alltag so gibt – hinter uns. Vielleicht sitzen wir mitten drin. Entsprechend schwer mag es manchem von uns fallen sie zu lieben und für sie zu danken. Menschen, die ich nicht kenne, mag ich darum viel lieber. Mit ihnen ist – so auf Distanz gesehen – gut leben. So ist das meistens im Leben!

Kain und Abel standen sich am nächsten. Sie waren Brüder. Kain hatte in seinem bisherigen Leben weniger Erfolg gehabt als sein Bruder. Da stiegen verkehrte Gedanken, Neid und Missgunst in seinem Herzen auf: „Und JaHuWaH sprach zu Kain: Warum bist du zornig, und warum hat sich dein Gesicht gesenkt (neidisch, grüblerisch zum Bösen hin)? Ist es nicht so, wenn du recht tust, erhebt es sich? Wenn du aber nicht recht tust, lagert die Sünde vor der Tür. Und nach dir wird ihr Verlangen sein, du aber sollst über sie herrschen“ (1Mo 4,6-7). Kain hörte nicht auf JaHuWaH. Er tötete Abel.

Damit richtete er ein Elend über die Familie Adams und sich selbst an. Er musste die Konsequenzen tragen. All das hätte nicht sein müssen. In unseren Herzen werden unsere Wege im Umgang mit dem Nächsten gesponnen. Die Weisungen der Thora und der Propheten wollen uns helfen nach dem Willen und Recht JaHuWaHs zu suchen und zur Ruhe zu kommen. Ohne dieses Recht, diese innere Ruhe, gehen wir persönlich, jede kleine Gemeinschaft, Nachbarschaft und jede Gesellschaft zugrunde. Doch, wie gesagt: In unseren Herzen werden unsere Wege im Umgang mit dem Nächsten gesponnen.

In diesem Zusammenhang wollen wir nicht vergessen, dass eine Trennung oder Scheidung – vor allem in einer Ehe – dem Liebesprinzip JaHuWaHs, unserem Schöpfer, entsprechen kann. JaHuWaH hat jedem Menschen seine Menschenwürde als sein Recht zugesprochen, gegeben. Der Nächste darf dieser Würde nicht beraubt werden. Es gibt äusserst verfahrene Situationen in denen der Nächste keine „Luft“ mehr zum Leben findet. Dort wo jemand exzessiv egoistische, krankhafte und zerstörerische Kräfte freisetzt wird dem Nächsten sukkzessive seine Menschenwürde entzogen. Es wird sein Leben bewusst zerstört. Dort ist von der Bibel her die Trennung oder Scheidung ein Recht JaHuWaHs von dem jemand Gebrauch machen darf, ja sogar machen muss. Sämtliche Aussagen und Zusammenhänge der Schrift müssen bei solchen Themen herangezogen werden. Mit ein paar zitierten Versen ist der Sache nicht Genüge getan.

Es ist dies ein biblisches Grundrecht, das Kirchen, Freikirchen und christliche Gemeinschaften mit ihren frommen Philosophien, die sie dazu noch dem Juden Jahushua von Nazareth in den Mund legen, ganz schön fromm übertünchen. Nach der Trennung oder Scheidung kann der Nächste langsam wieder „atmen“, sich neu ausrichten und von neuem leben lernen. Und zwar in der „Luft“, d.h. in der Menschenwürde, die ihm JaHuWaH, sein Schöpfer, zugedacht und zugeordnet hat. Das ist ist das Leben aus JaHuWaH!

Im Moment leiden Millionen Katholiken an den Folgen einer gescheiterten Ehe – nicht aus Spass! Weil sie Geschöpfe ihres Schöpfers sind, haben sie das Lebensglück in einer zweiten Ehe gefunden. Doch als Strafe verbietet ihnen der Vatikan die Teilnahme an den Sakramenten. Die Sakramente sind aber nach dieser Lehre zum Heile notwendig. Damit sind sie vom Heil ausgeschlossen. Für einen katholisch geprägten Menschen, einen Katholiken, ist das ein unerträglicher Gedanke, der ihn Tag und Nacht beschäftigt und im Laufe des Lebens völlig mürbe und kaputt machen kann. Zudem kann diese Situation die zweite Ehe zur Hölle werden lassen und gefährden, weil einer der Partner die Trennung vom ewigen Heil im Laufe der Jahre nicht mehr aushält und immer aggressiver auf den Partner reagiert.

Wenn doch alle diese Menschen die biblischen Grundrechte kennen lernen dürften. Sie dürften erkennen, dass die Sakramente und ihre Bedeutung eine Erfindung der Kirchenväter sind und zu nichts taugen. Sie beeindrucken JaHuWaH in keiner Weise. Im Gegenteil, er wird die Führer dieser Organisationen für diese schweren Vergehen gegen die Würde des Menschen zur Rechenschaft ziehen. Nun, diese Menschen würden zu neuem Leben aufblühen und ein grossartiger Segen für die Nächsten und unsere Gesellschaft sein. Doch der Koloss Kirche mit seinen freikirchlichen Tochterkirchen und christlichen Gemeinschaften erdrückt und erstickt die Menschen mit seinen Lehren. Er wird sich nie auf das Leben des JaHuWaH ausrichten können, denn er verdammt die Lebensprinzipien JaHuWaHs. Es sind aber immer mehr Einzelne und Gruppen die sich mutig von diesem erdrückenden Koloss entfernen, frohen Herzens und, gemäss ihren Erkenntnissen und Vermögen, verantwortungsvoll den Weg mit JAHuWaH gehen.

Die zehn Tage von Rosh HaShana (Neujahr) bis Yom Kippur (Versöhnungstag) sind also Buss-, Besinnungs- und Umkehrtage und zwar im Angesicht des JaHuWaH und seiner Weisungen des Lebens. Menschen werden um Vergebung gebeten. Krumme Geschäfte abgebrochen.. und vieles mehr. In diesen Tagen bricht in der ganzen Welt viel Licht herein in die dunklen Machenschaften der Menschen, sei es bei einem einzelnen Menschen, sei es in ganze Organisationen. Darum gilt der Tag als der höchste jüdische Feiertag.

Herzlich wünsche ich allen gesegnete Einkehrtage mit der folgenden Botschaft: „Steh auf, werde licht! Denn dein Licht ist gekommen, und die Herrlichkeit JaHuWaHs ist über dir aufgegangen. Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völkerschaften; aber über dir strahlt JaHuWaH auf, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und es ziehen Nationen zu deinem Licht hin und Könige zum Lichtglanz deines Aufgangs“ (Jes 60,1-3).

Shalom!

Gregor Dalliard