“In den Tagen deiner Jugendzeit” (Pred 12,1). Teil 7

Glaubensimpuls 290

Kinder durchlaufen gesunde Glaubensprozesse, wenn wir uns mit ihnen regelmässig über den Glauben, ihrem Alter entsprechend, unterhalten. Wir kommen nicht darum herum ihnen die Lehrweisungen JaHuWaHs frühzeitig, und wenn immer möglich, aus den geschichtlichen Zusammenhängen heraus zu erklären. Die Weisungen, die JaHuWaH gab, sind zum grossen Teil aus geschichtlichen Ereignissen heraus gegeben worden. Es ist das was uns im berühmten “Shma Israel” dargelegt ist:

Höre, Israel: JaHuWaH ist unser Erlöser (Gott), JaHuWaH allein! Und du sollst JaHuWaH, deinen Erlöser (Gott), lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen in deinem Herzen sein. Und du sollst sie deinen Kindern einschärfen, und du sollst davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt und wenn du auf dem Weg gehst, wenn du dich hinlegst und wenn du aufstehst. Und du sollst sie als Zeichen auf deine Hand binden, und sie sollen als Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie auf die Pfosten deines Hauses und an deine Tore schreiben” (5Mo 6,4-9).

Wenn wir diese Worte so lesen wie sie vor uns geschrieben stehen, dann könnten wir meinen, dass wir uns damit einem fürchterlichen Stress aussetzen, der nicht auszuhalten ist. Manche könnten sagen: Das ist doch der reinste fromme Terror. Das soll so schulmeisterlich ablaufen? Nein,danke! Aber genau das meint 5Mo 6,4-9 nicht.
Was will 5Mo 6,4-9 vermitteln? Im Lichte des gesamten biblischen Kontextes meint 5Mo 6,4-9 genau das was ich oben erwähnt habe: uns mit unseren Kindern so früh wie möglich über den Glauben unterhalten und ihnen frühzeitig biblische und geschichtliche Zusammenhänge zu erklären versuchen. Damit ist auch gesagt – und das ist von grosser Wichtigkeit und Wirksamkeit – dass wir ihnen so früh wie möglich ihre Mitverantwortung in ihrem Glauben vermitteln. Sie werden erfahren lernen wer JaHuWaH ist, dass er sie liebt, ein Vater und Freund von ihnen ist, der immer zu ihnen stehen wird, selbst wenn es im Leben ab und zu gar heftig drunter und drüber gehen mag, usw. Das hat nichts mit Indoktrination oder Gehirnwäsche zu tun.

Ich war über zwei Jahrzehnte lang in allen möglichen Freikirchen, unabhängigen Denominationen und Bibelgruppen als Prediger und Seminarleiter in der Schweiz und in unseren Nachbarländern tätig. Ich verkündete anfänglich alles so wie das in den allgemeinen Glaubenssatzungen und Bekenntnissen dieser Kirchen und Denominationen vorgegeben ist. Zu jener Zeit meinte ich, das sei das gesunde Bibelverständnis, d.h. die wörtliche Auslegung der christlichen Bibelinhalte, des sogenannten Neuen Testamentes, vor allem der paulinischen Aussagen. Bald aber merkten meine Frau und ich, dass eine solche Vermittlung des Glaubens die Menschen krank macht und zu Neurotikern erzieht und etliche in den Suizid führt. Recht viele junge Menschen aus diesen Kreisen müssen sich in psychiatrische Kliniken begeben und dort Hilfe beanspruchen. Für die Betroffenen und ihre Angehörigen ist das meistens sehr demütigend, weil manche in ihrem christlichen Umfeld darin einen Beweis von Glaubensschwäche erkennen wollen, andere eine versteckte Sünde, die nicht offenbar gemacht worden ist usw. Kleinkinder und Schüler werden von den Leitern solcher christlicher Gemeinschaften meistens total überfordert, indem den Kindern bestimmte Glaubenssätze und damit Verhaltensweisen eingetrichtert und abverlangt werden, mit denen sie im Alltag beim besten Willen nicht zu Rande kommen können. Die nicht biblische Doktrin der griechisch-stoischen Denkweise in den christlichen Gemeinden weist auf ein besseres Leben im Himmel hin. Hier auf Erden ist alles schlecht und Sünde, du darfst dich an nichts freuen. Entweder Himmel oder immerwährende Höllenpein für denjenigen, der nicht durch das Blut des Gottes Jesus reingewaschen ist und die zahllosen paulinischen Gesetze im Alltag nicht umsetzt. Die von JaHuWaH geoffenbarten Weisungen weisen uns aber zu einem besseren Leben hier auf Erden hin. Wir wollen uns erinnern: Genau darauf legte Jahushua von Nazareth seinen Finger:

“Wenn ihr aber betet, sollt ihr nicht plappern wie die JaHuWaHlosen (von den Nationen); denn sie meinen, dass sie um ihres vielen Redens willen erhört werden. Seid ihnen nun nicht gleich; denn euer Vater weiss, was ihr benötigt, ehe ihr ihn bittet. Betet ihr nun so: Unser Vater, der du bist in den Himmeln, geheiligt werde dein Name; dein Reich komme; dein Wille geschehe, wie (er) im Himmel (geschieht) so (möge er) auch auf Erden (geschehen)” (Mt 6,7-10). Das ist der Wille des Vaters für seine Geschöpfe. Unsere Kinder dürfen lernen sich an allen schöpferischen Gaben des Vaters zu freuen, ihre Verantwortung darin wahrzunehmen. Mit allen ihren jugendlichen Kräften dürfen sie diese zur Entfaltung bringen, mitgestalten, selbst wenn manches im Laufe des Lebens revidiert werden muss – oder darf! Das ist das Gegenteil von dem was die hellenistisch geprägte christliche Theologie in den Kirchen und christlichen Denominationen und Bibelkreisen den Kindern vermittelt, ihnen eintrichtert und von ihnen abverlangt.

Der berühmte Vers des Juden Shaul, nicht des Kirchenvaters und -gründers Paulus, der uns in Röm 8,28 übermittelt ist, gehörte in unserer Familie, als die Kinder klein waren und zur Schule gingen, zu einer der tragenden Säulen: “Wir wissen aber, dass denen, die JaHuWaH lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die sich nach seinem Vorsatz berufen wissen”. Dieser Vers ist heute noch eine tragende Kraft in ihrem Leben, der sie weise und ruhig mit Herausforderungen des Lebens umgehen lässt. Der Jude Shaul hatte diesen Vers aus verschiedenen Bekenntnissen der Propheten abgeleitet, so etwa aus 1Mo 18,28: “Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Recht üben?” Auch aus Jeshajahu (Jesaja) 30,15a: “Denn so spricht der Herr, JaHuWaH, der Heilige Israels: Durch Umkehr und durch Ruhe werdet ihr gerettet. In Stillsein und in Vertrauen ist eure Stärke”. Auch: “Denn die Berge mögen weichen und die Hügel wanken, aber meine Gnade wird nicht von dir weichen und mein Friedensbund nicht wanken, spricht JaHuWaH (der HERR), dein Erbarmer” (Jes 54,10). Eine solche Verheissung, eine solche Liebe des Abba JaHuWaH, erfasst ein Kinderherz und setzt es in Bewegung - fürs ganze Leben, selbst wenn es sich als erwachsener Mensch anders entscheiden sollte als wir uns das wünschen.

Früher, als die Kinder klein waren, war ich immer wieder am Telefon. Ich setzte mich sehr oft mit den Nöten von Menschen auseinander. Immer wieder zitierte ich den Vers Röm 8,28. Es kam vor, dass ich statt “zum Guten mitwirken” “zum Guten gereichen” sagte. Als mir das wieder einmal passierte, zupfte mich mein fünfjähriger Sohn Joshi am Ärmel und flüsterte mir ins Ohr: “Papa, mitwirken”! Wir hatten viel über diesen Vers gesprochen, vor allem über die umfassende Aussagekraft des Wörtchens “mitwirken”. Das Kinderherz war davon tief berührt worden. Es war gut so, denn noch ahnte der Kleine und seine Geschwister wenig von den Herausforderungen im Alltag.

Wie uns der Text in 5Mo 6,4-9 unmissverständlich vermittelt sollen diese ersten Glaubensschritte des Kindes in der Familie geschehen oder in der Gemeinschaft in der das Kind aufwächst, nicht in irgendeiner organisierten Glaubensgemeinschaft. Genau das schafft die Grundbasis für eine gesunde persönliche Beziehung zu JaHuWaH und eine kritische Glaubenshaltung gegenüber allem was da in der Welt an Religion so kreucht fleucht. Das war schon bei Abraham so, denn es gab noch keine organisierten Glaubensgemeinschaften. Gegen Glaubensgemeinschaften ist sicher nichts einzuwenden, solange sie nicht als Elternersatz dienen, d.h. die Eltern oder die für die Kinder Zuständigen ihrer Pflicht berauben, die ihnen von JaHuWaH aufgetragen ist. Die Glaubensgemeinschaften sind eine Erbauung, ein gemeinschaftliches Teilen dessen, was Zuhause grundgelegt worden ist und sie stärken das soziale Gefüge: “Hallelujahu! Preisen will ich JaHuWaH von ganzem Herzen im Kreis der Aufrichtigen und der Gemeinde” (Ps 111,1).

Bei uns im Wallis sind die staatlichen Grund- und Sekundarschulen mit der katholischen Lehre verkoppelt. Die christlichen Feste wie Erstkommunion, Firmung, Weihnachten, Ostern, die unbefleckte Empfängnis Mariens durch ihre Mutter, Christi und Mariä Himmelfahrt u.v.m. reicht in den täglichen Schulunterricht hinein. Die Schüler wurden auf die Erstkommunion vorbereitet. Unser Ältester hatte verstanden, dass wir das alles (diesen Götzendienst) nicht mehr brauchen weil wir glaubensmässig schon weitergekommen sind, darum nahm er an diesem Unterricht nicht teil. Das Datum war bekannt. Bei den Schülern machte sich helle Freude breit. Pfarrer, Lehrpersonen und natürlich auch die meisten Eltern, stimulierten die Kinder auf dieses Fest hin, was ja verständlich ist.

Eines Abends ging ich an das Bett unseres Ältesten um ihm den “Gutenachtkuss” zu geben. Da hörte ich ihn schluchzen. ich machte das Licht an und sah die Tränen in seinem Gesicht. “Warum weinst du”, fragte ich ihn betroffen? “Es ist wegen der Erstkommunion”, stotterte der Kleine hervor. Etwas perplex fragte ich ihn, “ja möchtest du gerne zur Erstkommunion gehen?” Seine Antwort überraschte mich trotzdem: “Nein Papa, aber alle bekommen ein Erstkommuniongeschenk, nur ich nicht!” Ich war natürlich sehr erleichtert und sagte ihm: “Hör mal, du darfst dir ein schönes “Erstkommuniongeschenk” wünschen und wirst es sogar einige Tage vor allen andern Kindern bekommen. Üblicherweise sollte ein Geschenk zur Erstkommunion erst am Vorabend der Feier oder am Festtag selbst gegeben werden.

“Was würdest du dir wünschen?” “Ein Velo (Fahrrad), Papa.” “Das sollst du bekommen”. Der Kleine umarmte mich und schlief beruhigt, glücklich und zufrieden ein. Den Kindern, die zur Erstkommunion geführt werden, wird in vielen Unterrichtsstunden und Zeremonien das vermittelt was ich bereits im Gim 285 dargelegt habe: Der Jesus-Gott kommt über das Rituale des Priesters in den Brotteig (Hostie) hinein. Beim Einnehmen dieses gepressten Weizenmehles, kommt er, in dieser Form, mit seinem echten Fleisch und Blut, in die Herzen der Menschen hinein, wo er dann wohnt. Das empfand der Junge als speziell doof. Die meisten Kinder interessieren sich nicht für diese absurde Theologie. Für sie sind die Geschenke und der ganze Festtagsrummel wichtig, was doch sehr verständlich ist. Die Tage der Vorbereitungen sind für manche Kinder allerdings mit viel Stress verbunden.

Voller Freude verkündete unser Ältester in der Schule, dass er zur “Erstkommunion” ein Velo bekommen würde und zwar schon einige Tage vor dem Festtag. So hielten wir es auch bei der Firmung. Das löste bei den übrigen Kindern Empörung aus. Sie konnten nicht verstehen, dass er nicht an den ganzen Vorbereitungen und an der Erstkommunion teilnehmen musste und trotzdem Geschenke zur “Erstkommunion” bekommen sollte. Die Lehrerin, die sehr vernünftig war, konnte die Kinder irgendwie beruhigen. Sie bat uns aber dafür zu sorgen, dass unser Sohn sich zurücknehmen würde. Denn immer wieder erklärte er freudig, dass wir alle diese Feste und Zeremonien hinter uns hätten und weil wir bereits weiter seien bräuchten wir sie nicht mehr. Das sorgte immer wieder für Wirbel in der Schule. Seine Mitschüler wollten eigentlich so glauben wie er, damit sie all diesen religiösen Stress in Kirche und Schule nicht mitzumachen bräuchten. Als die andern zwei Kinder so weit waren, fragten sie frühzeitig, was für ein Geschenk bekomme ich zur “Erstkommunion”, was zur “Firmung”? “Ich wünsche mir dies oder das zur “Erstkommunion”, zur “Firmung”. Das sind Wege die wir mitten im Alltag gehen lernen. So bleiben Kinder vor religiösen Neurosen bewahrt.

Mit den weisen Worten aus dem Buch der Sprüche grüsse ich alle herzlich, wünsche allen einen gesegneten Shabbat und ein frohes Beisammensein: “Hört, ihr Söhne (junge Erwachsene), auf den Rat des Vaters und merkt auf, um Einsicht zu kennen! Denn gute Lehre gebe ich euch. Meine Weisung sollt ihr nicht verlassen! Als ich noch ein Kind war bei meinem Vater, zart und einzig war vor meiner Mutter, da unterwies er mich und sprach zu mir: Dein Herz halte meine Worte fest! Beachte meine Gebote (d.h. die Weisungen JaHuWaHs) und lebe!” (Spr 4,1-4). Shalom!

Gregor Dalliard