“In den Tagen deiner Jugendzeit” (Pred 12,1). Teil 6

Glaubensimpuls 289

Zuerst muss ich auf einen schweren Fehler aufmerksam machen, der sich im Gim 285 eingeschlichen hatte. Ich schrieb vom Segen jener die schon von Kindesbeinen an in eine tiefe Beziehung zu JaHuWaH, zu seinem Wesen und zu seinen Verheissungen hineinwachsen dürfen. Dann wollte ich darauf hinweisen, dass den meisten von uns diese Beziehung nicht ermöglicht wurde und schrieb: “Den meisten von uns war das in den Kinder- und Jugendjahren vergönnt.” Das ist ein grober Fehler. Es sollte heissen: Den meisten von uns war das in den Kinder- und Jugendjahren nicht vergönnt. Inzwischen habe ich diesen Fehler korrigiert. Die weiteren Darlegungen wären voller Widersprüche, wenn das Wort ”nicht” in diesem erwähnten Satz fehlen würde.

Nun lasst uns weiter etwas zu unserem Thema bezeugen. Im Gim 287 schrieb ich von unserem zweiten Sohn, wie er in eine Phase der Glaubensrevolte geriet, nachdem ihn ein Lehrer in der Sekundarschule vor allen Schülern blossgestellt hatte. Im letzten Gim 288 schrieb ich: Kinder können aber sehr schnell verstehen, was zu einer gesunden Entfaltung und Entwicklung des Lebens gehört, was zu einer gesunden geistigen Entwicklung beiträgt und was ihre Entfaltung beeinträchtigt.” Das war auch bei unseren Kindern so, auch bei unserem zweiten Sohn. Er verstand sehr gut, warum wir aus diesem und jenem biblischen Grund nicht am katholischen Leben teilnehmen.

Die Herausforderungen in der Schule beschäftigten ihn sehr. Er lebte tagtäglich mit Lehrpersonen und Schülern/innen zusammen, die anders dachten, anders beteten, die einmal die Woche geschlossen an der Schülermesse teilnahmen etc. Er gehörte zu der Ausnahme. Das ist gar nicht einfach! Wenn ein Kind in dieser Situation eine Glaubenskrise durchläuft sollten wir das positiv bewerten, egal was danach folgt! Ich will damit sagen, solange die Familie oder die nächsten Bezugspersonen einem solchen Kind Verständnis für seine Reaktionen entgegenbringen, es begleiten und ihm alle Optionen offen halten, selbst dann wenn es sich für den katholischen oder sonst einen Glauben entscheiden sollte, dann wird es keine psychischen Schäden davontragen. Im Gegenteil, es kann sich entfalten und reifen. Es kann sein Urteilsvermögen entwickeln, schärfen und reifen lassen.

Das Kind durchläuft einen der vielen Reifungsprozesse, die dem Willen des Schöpfers entsprechen und die er in die Herzen seiner geschaffenen Wesen gelegt hat. Alles in seiner Schöpfung durchläuft Reifungsprozesse. Im Glauben müssen Reifungsprozesse einsetzen, die alles kritisch hinterfragen und einen Gemeindewechsel zur Folge haben können. Aus Reifungsprozessen ergeben sich Konsequenzen. Folgen daraus keine Entscheidungsschritte, verkümmert das Glaubensleben und stirbt ab. Alles endet in einer tödlich-frommen Tradition, in einer selbstgenügsamen Pflichterfüllung, die das Leben, das uns vom Schöpfer dargeboten ist, abtötet. Ich möchte sehr betonen: ohne Reifungsprozesse verkümmert das Leben, es stirbt ab. Es wird weder JaHuWaH ehren, noch den Mitmenschen und sich selbst gegenüber dienlich sein.

Das Kind setzt sich kritisch mit Lebensfragen auseinander, die es schliesslich weiterbringen. Selbst wenn ein Kind bei solchen inneren Auseinandersetzungen als letzte Konsequenz beteuern würde: jetzt glaube ich nichts mehr, ich werde mich mit der Bibel und dem Glauben erst dann wieder beschäftigen, wenn ich alt sein werde, oder etwas Ähnliches, dann sollten wir ruhig und gelassen bleiben, dem ist nämlich nicht so. Ein solches Kind wird nie nie aus der Hand des Schöpfers fallen. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Von dem biblisch-prophetischen Wort her ist hier – von uns allen – ein schier unmögliches Umdenken abverlangt.

Die Loslösung aus der herkömmlichen religiösen Versklavung, aus der geistigen Unwissenheit und Unmündigkeit etc., was unter dem Begriff Götzendienst läuft, wird gerade in solchen Reifungsprozessen überwunden. Genau das lehrt uns das biblisch-prophetische Wort in seinem Zusammenhang: Es ist die Loslösung aus blinden fruchtlosen religiösen Strukturen der frommen Masse in die Eigenverantwortung, die ein Kind weiterbringt. Die christliche Glaubenslehre verhindert diese Reifungsprozesse ganz bewusst und gezielt.

In den christlichen Heilsdogmen finden wir für alles bereits eine “Lösung” und ein Urteil. Jeder kritische Glaubensaustausch ist untersagt. Die Glaubensführer haben alles im Griff! Jeder Reifungsprozess wird als Abfall von Gott und der Kirche, als Rebellion gegen die religiösen Autoritäten und Traditionen verworfen. Die christliche Glaubenskultur konfrontiert uns darum mit unendlich vielen Menschen, deren Glaubensleben sich als ein verkümmertes Leben offenbart. Sie gehen jeder seriösen biblisch-prophetischen Auseinandersetzung aus dem Weg. Sie sind dazu von der Führung bewusst unfähig gemacht. Bei Konfrontationen sind darum Ablehnung und fromme Boshaftigkeit die Frucht, was uns eigentlich nicht erstaunen sollte. Aus Unwissenheit verteidigt meistens jeder das, was ihm von Kindesbeinen an als die unumstössliche, unantastbare Wahrheit eingetrichtert worden ist.

Was ich jetzt sage mag einige schockieren, aber ein Mensch, der sich von blinden religiösen Strukturen der frommen Masse löst, daraus befreit und ein verantwortungsvolles Leben anstrebt und behauptet er glaube nichts mehr, ist im Herzen JaHuWaHs zu Hause, zumindest näher als die religiösen Massen, die blind und eifrig jedem Reifungsprozess aus dem Wege gehen, weil sie nach menschengemachten Glaubensregeln tanzen. Darum dürfen wir jeden Reifungsprozess unserer Kinder als schöpferische Entwicklung mit Teilnahme und Dankbarkeit begleiten.

Was verheisst uns JaHuWaH immer wieder durch seine Propheten und der im Glauben Abrahams Gerechtfertigten? “Und sucht ihr mich, so werdet ihr mich finden, ja, fragt ihr mit eurem ganzen Herzen nach mir, so werde ich mich von euch finden lassen, spricht JaHuWaH” (Jer 29,13-14). Das ist eine herausfordernde Verheissung, die dem Leben jedes einzelnen Menschen die schöpferische Geborgenheit schenkt. Wir wollen diese Verheissung mit grosser Freude und Dankbarkeit bis zur letzten Konsequenz verstehen und umsetzen lernen. Es wird uns dabei nie langweilig werden! Jeder Austausch hilft uns hier weiter.

Herzlich grüsse ich alle Gim-Leser, wünsche allen wegweisende Hilfe im Alltag und einen Shabbat mit kleinen Akzenten der Freude und der Dankbarkeit. Shalom!

Gregor Dalliard