“In den Tagen deiner Jugendzeit” Pred 12,1. Teil 4

Glaubensimpuls 287

Wir heirateten, bekamen Kinder. Wir führten die Kinder und Jugendliche in den Glauben ein, den wir in der jeweiligen Glaubensetappe für den wahren und richtigen hielten. Sie nahmen vieles von dem auf was wir ihnen zu Hause und in der Sonntagsschule beibrachten. Ein Jahr später, vielleicht zwei, drei oder mehr Jahre später mussten wir den älteren Kindern oder jungen Erwachsenen behutsam erklären, dass wir dies und das aus diesen und jenen biblischen und geschichtlichen Gründen und Zusammenhängen heute nicht mehr glauben und vertreten könnten. Meistens ist ja damit das Verlassen einer christlichen Glaubensgemeinschaft verbunden, einer Gemeinschaft die den Kindern vertraut war.

Kinder reagieren bei diesem Wandel je nach Alter, Charakter und Umfeld unterschiedlich. Die einen können damit locker umgehen, weil sie sich in einem weitgehend intakten Familienumfeld umgeben und geborgen wissen, andere haben damit grosse Mühe. Als unsere drei Kinder klein waren gingen wir in die Pfingstgemeinde. Wir nahmen sie schon als Säuglinge mit. Die älteren gingen in die Sonntagsschule. Die Kinder nahmen alles auf. Manches haben wir gar nicht mitbekommen. Als ich eines Tages in meinem Arbeitszimmer sass, mit Blick auf die Strasse, sah ich unseren zweiten Sohn, etwa 5 jährig, wie er mit einer Plastiktasche das Haus verliess und die Strasse entlang ging. Ich lief ihm nach und fragte ihn wohin er den wolle und was er in der Plastiktüte mittrage.

Einige Häuser weiter wohnte eine ansässige Familie mit einem Mädchen, das etwas älter war als er. Dieses Mädchen war sehr oft bei uns. Mit den Eltern hatten wir keinen näheren Kontakt. Ihre Familie und wir waren in diesem Quartier die einzigen Einheimischen. Alle anderen Häuser waren Ferienhäuser und meistens von Gästen belegt. Dieses Mädchen nahmen wir immer wieder zum Skifahren mit. Es war katholisch und hatte sein Leben noch nicht Jesus übergeben so wie das in den “Freikirchen” und christlichen Gemeinschaften als der Weg zum Himmel allgemein gefordert wird. Bei einer Autofahrt zum Skifahren sagte unser quirliger Ältester, der etwa 7 war: du kommst in die Hölle weil du Jesus nicht angenommen hast. Wir hatten darauf nicht gross reagiert, jedenfalls muss das Mädchen geschockt gewesen sein und daheim davon erzählt haben. Die Mutter rief abends sehr empört an und machte “reinen” Tisch. Wir entschuldigten uns und alles war wieder gut.

Die Sache, dass unser liebes Mädchen aus unserem Quartier Jesus nicht angenommen hatte, liess aber unserem sensiblen zweiten Sohn keine Ruhe. Er wollte um keinen Preis der Welt, dass ein so liebes Mädchen einmal ewig in der Hölle sein würde und dann noch unendlich vom Teufel gequält werden würde. Also nahm er heimlich meine Bibel, versteckte sie in der Plastiktüte und wollte sie der Nachbarfamilie bringen – speziell diesem Mädchen – es mochte kosten was es wollte. Als ich ihn auf der Strasse anhielt, erklärte er mir mit grossen Augen, mit ernsthafter Miene und lebhaften Gestikulationen die Not seines Kinderherzchens. Ich konnte ihm die Situation erklären und versprach ihm, mit ihm zusammen für das Mädchen zu beten.

Sonntag für Sonntag hörte der Kleine wie schlimm es ist wenn Menschen Jesus nicht annehmen würden. Marianne und ich hatten immer Mühe mit dieser Entweder-Oder-Strategie. Wir versuchten in den Predigerkonferenzen mildernde Überlegungen einzubringen, wurden aber laufend mit dem Argument abgespeist, dass wir immer noch nicht ganz vom katholischen Geist befreit seien. Da wir aber bereit waren zu lernen ordneten wir uns den Korrekturen der “bewährten” Leiter der Pfingstbewegung unter. Die ausgeprägte pfingstlich-paulinische Theologie der Pfingstbewegung, ja überhaupt das ganze “Neue Testament”, die Bibel der Kirchenväter, war uns damals kaum vertraut.

Wir verschlangen Bücher, die uns von der Führung der Pfingstgemeinde empfohlen wurden. Parallel flogen die Pfingstler massenweise nach Torronto, um dort vom Geist der Erweckung erfasst zu werden. Das schien uns sonderbar! Dieser Geist sollte ganz Europa erfassen. Gewaltige Erweckungen würden vor der Tür stehen und vieles mehr. All das erschien uns immer unheimlicher. Das fromme Chaos erschöpfte uns mehr und mehr. Ich schmeisse alle religiösen Bücher weg, offenbarte mir eines Tages meine Frau. Von nun an werde ich mich persönlich nur noch mit der Bibel auseinandersetzen. Ja, dazwischen ab und zu ein wegweisendes Buch lesen könnte wohl nicht schaden, meinte ich. Nein, sagte sie, das religiöse Chaos reicht mir endgültig. Ich muss wissen was in der Bibel steht!

Wir verliessen die Pfingstgemeinde und suchten in den evangelikalen und unabhängigen Gemeinschaften eine Vertiefung der biblischen Zusammenhänge. Wir glaubten anfänglich jeweils bei den geoffenbarten biblischen Zusammenhängen angekommen zu sein. Doch das sollte sich laufend als Trugschluss entpuppen. Vor wenigen Jahren verliessen wir das ganze freikirchliche Feld und die christlichen Gemeinschaften, denn schrittweise zeigte uns die Bibel, der TaNaCH, die tiefen prophetisch- heilsgeschichtlichen Zusammenhänge auf, damit aber auch die vielen Widersprüche in der christlichen Bibelauslegung, die von der tiefen antijüdischen Haltung der Kirchenväter, bzw. der Kirchengründer, vorgegeben und bestimmt ist. Laufend stossen wir auf neue Widersprüche.

Unsere Kinder machten auf dem Weg von der Pfingstgemeinde bis zum Glauben Abrahams tiefe einschneidende Erfahrungen mit. Unser zweiter Sohn durchlebte in seiner Pubertätszeit diesbezüglich eine Glaubenskriese. Er steht heute allem eher kritisch gegenüber – mit vollem Recht. Für uns ist das ein Reifungsprozess. Als er 13 war wurde er vor der ganzen Klasse von einer einflussreichen Lehrperson blossgestellt, weil er nicht erklären konnte zu welcher Religionsgemeinschaft wir eigentlich gehören würden. Der Begriff konfessionslos war in unseren Breitengraden noch nicht heimisch. Konfessionslos sein und dennoch an die Zusammenhänge der Bibel glauben schien hierzulande ein Widerspruch darzustellen. Damit brach eine gewisse Revolte gegen uns aus, gegen unsere ständigen Glaubensveränderungen. Die Zeit der Pubertät ging vorüber. Nach einigen Jahren legte sie sich wieder, weil ihm einiges verständlicher wurde. Es trat das Gegenteil von dem ein, was die Lehrperson beabsichtigt hatte. Der Glaubensweg der Eltern findet heute in seinem Leben seine Berechtigung. Die Grundwahrheit des TaNaCH, der Bibel, ist aber in seinem Herzen verankert und das freut uns ganz fest.

Im nächsten Gim möchte ich weiter auf diese Thematik eingehen. “So erkenne denn, dass JaHuWaH dein Erlöser, der Retter (Gott) ist, der treue Fels (Gott), der den Bund und die Güte bis auf tausend Generationen denen bewahrt, die ihn lieben und nach seinen Weisungen fragen (suchen)..” (5Mo 7,9). Mit dieser wunderbaren Verheissung grüsse ich alle herzlich und wünsche allen einen segensreichen Shabbat. Shalom!

Gregor Dalliard