„..damit ihr Söhne eures Vaters seid, der in den Himmeln ist..“ Mt5,45. Teil 1

Glaubensimpuls 213

Die Söhne des Vaters repräsentieren ihren Vater in der Öffentlichkeit. Unter dem Begriff „Söhne“ sind natürlich auch die Töchter zu verstehen! An der geistigen und moralischen Einstellung und am Verhalten der Söhne, bzw. der Kinder, im öffentlichen Leben kann der Vater oder die Mutter erkannt werden. Im Volksmund sagt man: „der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“. Diese Schlussfolgerung trifft zwar nicht immer zu, aber im Allgemeinen vermitteln junge Menschen in der Öffentlichkeit doch das was sie Zuhause mibekommen haben. Das wissen wir aus den Beobachtungen und Zeugnissen der Geschichte, aber auch aus den eigenen Beobachtungen und Erfahrungen. Aus der Jugendseelsorge, der Jugendarbeit und dem Religionsunterricht kann ich diese Tatsache nur bestätigen.

Nun, die jungen Menschen stellen also im Allgemeinen ihre Erzieher im öffentlichen Leben dar. Das heisst der Einfluss der Erzieher prägt und formt die Kinder wesentlich. Wie allen Propheten war es auch Jahushua von grosser Wichtigkeit den Menschen dieser Welt ein vollumfängliches Bild des Vaters im Himmel zu vermitteln, vor allem durch das Zeugnis seines Lebens. Das sollte das auserwählte Volk, der Sohn JaHuWaHs (Sohn Gottes), in jeder Lebenslage tun. Die Aussage Jahushuas „damit ihr Söhne eures Vaters seid, der in den Himmeln ist„, hat mich immer sehr berührt. In meiner Jugendzeit, vor allem während meiner Lehr- und Studienzeit, habe ich, neben einem andern Gebet, sozusagen jeden Tag gebetet: „Gott (oder Vater), lass mich ein Werkzeug deiner Liebe sein“.

JaHuWaH bezeichnet das auserwählte Volk als seinen Sohn, als seinen erstgeborenen Sohn (vgl. 2Mo4,22-23). Es ist der Sohn JaHuWaHs, in unserem Sprachgebrauch: der Sohn Gottes. Wie repräsentierte das auserwählte Volk, als Sohn JaHuWaHs (Sohn Gottes), den Vater im Himmel unter der grauenvollen Herrschaft der Römer? Inmitten dieser grauenvollen Zeit sagte Jahushua:

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist (in der Thora): Auge um Auge und Zahn um Zahn (d.h. den Weg der versöhnenden Gerechtigkeit gehen, was die Römern nicht kennen und leben). Ich aber sage euch (weil der Weg der versöhnenden Gerechtigkeit mit den Römern zu gehen nicht möglich ist): Widersteht nicht dem Bösen (erliegt nicht den römischen Erniedrigungen), sondern wenn jemand (ein römischer Besatzer) dich auf deine rechte Backe schlagen wird, dem (Römer) biete auch die andere dar; und dem (Römer), der mit dir vor Gericht gehen und dein Unterkleid nehmen will, dem (Römer) lass auch den Mantel (wenn er ihn fordert). Und wenn jemand (ein Römer) dich zwingen wird, eine Meile zu gehen (spontaner Zwang zu Sklavendiensten), mit dem geh zwei. Gib dem (Römer), der dich bittet (der will, dass du ihm etwas entrichtest), und weise den (Römer) nicht ab, der von dir borgen will (erzwingend)“ (Mt 5,38-42). Es hat keinen Wert, dich zu wehren und dich auf dein Recht zu berufen! Die Folgen würden nur umso verheerender sein!

In Anbetracht dieser entsetzlichen Lebenslage forderte Jahushua seine Zuhörer auf, sich nicht zum Zorn reizen zu lassen, dem unberechenbare Konsequenzen folgen können. Da sie die Söhne des Vaters im Himmel sind und damit alles besitzen was ein Mensch in dieser Welt besitzen kann, sollen sie sich durch die römischen Rechtsbrecher, die keine Gerechtigkeit, keine Nächstenliebe und keine versöhnende Wiedergutmachung kennen, nicht zu Zorn und Hass verleiten lassen. Die Rechtsordnung „Auge um Auge und Zahn um Zahn“, die alle Propheten (die Alten) predigten und lehrten, bildet die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens.

Wir erinnern uns an Jitro, einen Nachkommen Abrahams (vgl. 1Mo25,2: Midian), den Schwiegervater des Moshe. Er besuchte Moshe am Berge Sinai und legte ihm das Konzept des Richterwesens vor, damit ein gerechtes, friedvolles und segensreiches Leben unter den Söhnen JaHuWaHs möglich sein konnte. Er forderte damals Moshe auf, treue, wahrhaftige und zuverlässige Männer als Richter einzusetzen, die jeden ungerechten Gewinn hassen und Recht sprechen, was Moshe dann auch tat. Diese Rechtsprechung, die keine Bestechung, keinen ungerechten Gewinn zuliess und sich vom Ansehen der Person nicht blenden liess, bestimmte grundsätzlich auch in den Tagen des Propheten Jahushuas von Nazareth das Leben der Söhne JaHuWaHs. Wir wissen natürlich, dass der Missbrauch dieser Rechtsprechung immer wieder einriss. Die Propheten aber brachten diese gesunde und heilende Rechtsprechung „Auge um Auge und Zahn um Zahn“ immer wieder neu zur Geltung, so auch Jahuashua.

Mit der Metapher „Auge um Auge und Zahn um Zahn“ ist das Suchen nach einem gesunden, ausgewogenen und gerechten Urteil gemeint. Ebenso das Bemühen die entsprechende Wiedergutmachung und die versöhnende Wiederherstellung der Beziehungen unter den Söhnen JaHuWaHs zu finden. „Ich bin JaHuWaH. – Du sollst deinen Bruder in deinem Herzen nicht hassen. Du sollst deinen Nächsten ernstlich zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld trägst. Du sollst dich nicht rächen und den Kindern deines Volkes nichts nachtragen und sollst deinen Nächsten lieben, denn er ist wie du. Ich bin JaHuWaH“ (3Mo 19,17-18). Bei den Römern hatte das wunderbare versöhnende Recht JaHuWaHs, nämlich das Recht auf eine gerechte Beurteilung und entsprechende Wiedergutmachumg, keine Geltung.

Ein solcher rechtloser Zustand empörte Jahushua und das jüdische Volk. Darum bestätigte Jahushua zuerst dieses wunderbare Recht, wie es von JaHuWaH geoffenbart ist und was es beinhaltet: „Auge um Auge und Zahn um Zahn“. Die Römer aber hatten es ausser Kraft gesetzt. Sie verfügten über die Juden äusserst willkürlich. Sie kannten den Juden gegenüber kein Recht. Sie nahmen was sie wollten und taten was sie wollten. Sie liessen sich bestechen und erpressten das jüdische Volk bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Beim geringsten Widerstand wurden sie als rechtlose Menschen vor Gericht geschleppt und zum Tode am Pfahl (Kreuz) verurteilt. Diese Rechtlosigkeit war schwer zu ertragen. Das war schmerzlich und entwürdigend. Dieser niederträchtige Umgang trieb viele Juden in die Verzweiflung und nicht selten zu verzweifelten Reaktionen, denen von Seiten der Römer noch grausamere Strafaktionen folgten.

Darum sagte Jahushua: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: Widersteht nicht dem Bösen, sondern wenn jemand dich auf deine rechte Backe schlagen wird, dem biete auch die andere dar“ (Mt 5,38-39). Diese Aussage „Auge um Auge und Zahn um Zahn“ ist keinneswegs wörtlich zu verstehen. Christliche Kirchen und Gemeinschaften nehmen diese Aussage wörtlich. In welchem Sinn nehmen sie die Aussage „Auge um Auge und Zahn“ wörtlich? Sie wollen damit den angeblich brutalen und gnadenlosen alttestamentlichen Gott in Widerspruch und Gegensatz zu dem friedliebenden neutestamentlichen Gott Jesus setzen. Diese Aussage bietet sich ihnen als willkommene Waffe gegen die Juden, den Sohn JaHuWaHs (Sohn Gottes).

Der Islam hat diese Aussage Jahushuas auch übernommen. In Unkenntnis der damaligen Zusammenhänge wendet er diese Aussage wörtlich um. Nach der wunderbaren Ordnung des himmlischen Vaters aber soll jedes Unrecht entsprechend wieder gutgemacht werden, d.h. „Aug um Aug, Zahn um Zahn“. Nur so kann Vergebung, Genugtuung und der innere Frieden zwischen Menschen wieder hergestellt werden.

Von den Römern war ein solches Verhalten nicht zu erwarten. Wir können nicht genug hervorheben, dass „Aug um Aug, Zahn um Zahn“ eine Metapher ist, die JaHuWaH über Moshe benutzte um den Wert und Segen der Wiedergutmachung darzustellen. Nur auf dem Weg der Gerechtigkeit, d.h. der Wiedergutmachung – nur auf diesem Weg – der zur Versöhnung führt, ist ein brüderliches friedvolles Gemeinschaftsleben und Auskommen dauerhaft möglich. Nur auf diesem Weg findet der Sohn JaHuWaHs (Sohn Gottes) seinen inneren Frieden mit sich und dem Vater im Himmel. Das verstanden die Menschen des auserwählten Volkes.

Viele erwarteten diesen Umgang auch von den Römern. Aber die Römer verachteten das Lebensprinzip „Aug um Aug, Zahn um Zahn“, d.h. die gegenseitige Hochachtung, den gegenseitigen respektvollen Umgang, der in der versöhnenden Wiedergutmachung gipfelt. Jahushua fordert seine Landsleute auf den Feinden aus Rom trotzdem in der Liebe des Vaters zu begegnen, selbst wenn sie die Grundlage des harmonierenden Zusammenlebens, nämlich „Aug um Aug, Zahn um Zahn“, mit Füssen treten. Sie sollen ihnen den reichen Schatz ihres Innenlebens kundtun, bezeugen:

„..sondern wenn jemand (ein römischer Besatzer) dich auf deine rechte Backe schlagen wird, dem biete auch die andere dar“. Die erniedrigende Handbewegung der Römer mit der rechten Hand, den Juden gegenüber, war äusserst demütigend und entwürdigend. Sie drückte tiefste Verachtung aus und wollte die Juden zu unberechenbaren Reaktionen verleiten. Es handelte sich bei dieser Geste nicht um eine Ohrfeige, denn keiner kann mit seiner rechten Hand jemandem eine saftige Ohrfeige auf die rechte Backe verabreichen, das geht nicht. Es ging um eine äusserst demütigende verachtende Handbewegung. Mit dieser Handbewegung wurde dem Juden gesagt, du bist nichts, rein gar nichts, du hast nicht einmal den Wert eines Hundes! Viele Juden waren dieser Verachtung und den damit zusammenhängenden Leiden tagtäglich ausgesetzt. Sie konnten diesen Leiden nicht ausweichen.

Der Weg, den Jahushua predigte, war auch in dieser finsteren Zeit von Segen gekrönt. Das Zeugnis der Juden im alltäglichen Leben überzeugte manchen römischen Kriegsmann. Die Weisung JaHuWaHs, die alles menschliche Zusammenleben regelt und von den Juden unter äusserst schweren Bedingungen praktiziert wurde ging manchem höher gestellten Römer zu Herzen. Diese Zeugnisse veranlassten manchen im Geheimen oder offen zum Judentum überzutreten um die Weisheit und den Segen JaHuWaHs kennenzulernen und ihm zu dienen. Recht viele Römer, die je nach Stationierung und Funktion Repressalien von Rom fürchteten nahmen als JaHuWaHfürchtige (Gottesfürchtige) geheim an den Bibel- und Gebetszeiten in der Beth HaKnesseth (Synagoge) teil. In allen damaligen bekannten Städten im römischen Reich gab es Gemeindeversammlungen der Juden, des Sohnes JaHuWaHs (Sohnes Gottes). In jeder Stadt gab es solche JaHuWaHfürchtige (Gottesfürchtige). Offiziell mussten sie zwar die Rechtsordnung Roms vertreten und umsetzen. Sie taten es mit viel Weisheit und Geschick und erleichterten so manchem Juden das Leben. Wunderbar!

Jahushua sagte zu den Juden, seinen Landsleuten, dem Sohn JaHuWaHs, nicht umsonst: „Ihr seid das Licht der Welt; eine Stadt, die oben auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht eine Lampe an und setzt sie unter den Scheffel, sondern auf das Lampengestell, und sie leuchtet allen, die im Hause sind. So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen“ (Mt 5,14-16).

Einfach umwerfend und zutiefst ermutigend. Lasst uns von Herzen Söhne JaHuWaHs sein – so gut wie wir es mit seiner Kraft vermögen! In dieser Zugehörigkeit und Dankbarkeit grüsse ich alle herzlich und wünsche allen einen erbaulichen Shabbat.

Shalom!

Gregor Dalliard