“Sät nach Gerechtigkeit! Erntet gemäss der Gnade!” (Hos 10,12a).

Glaubensimpuls 349

“Ist es nicht so, dass überall Ungerechtigkeit herrscht, Lug und Trug. Intrigen und Boshaftigkeit beherrschen die Welt und jedes Herz. Lug und Trug bei den Versicherungen und Banken, bei den Steuerbehörden und im Berufsleben, in der Politik und in der Kirche, und.. was soll ein solches Leben überhaupt, wenn wir immer nur Enttäuschungen einheimsen?” Die Frau, die das mittlere Alter bereits überschritten hat, hätte ihrer bitteren Enttäuschung über ihr bisher verlorenes irdisches Leben, mit allen seinen verpassten Chancen, weiter ohne Punkt und Komma freien Lauf gelassen, wenn ihr der Nachbar nicht mit den Worten Einhalt geboten hätte, “dann geh ins Kloster, vergrabe dich dort, wenn es dir da besser gefallen sollte, der Gregor kann dir dabei sicher hehilflich sein, er kennt den Laden von innen und aussen und zudem, manche um dich herum wären froh darüber.” Das war eine sehr harte Reaktion eines Mitbewohners – über diese jammervolle Frau.

Nun, das ist eine der “Putzplaudereien”, die jeweils am Freitag in den beiden kleinen Hochhäusern stattfinden, wenn ich dort meine Putzarbeiten verrichte. Das sind kurze, aber durchaus ernstzunehmende Gespräche im Treppenhaus oder bei einem kurzen Tee- oder Kaffeekränzli, zu dem mich einzelne Besitzer oder die regelmässigen Besucher gerne mal einladen. Manchmal folgen daraus weiterführende Meinungs- und Erfahrungsaustausche. Nun, ins Kloster gehen ist bestimmt nicht die Lösung, die uns der Schöpfer des Lebens vorschlägt. Schon auf den ersten Seiten der Bibel stellt er sich unmissverständlich dagegen.

Ebenso aber zeigt er uns schon auf den ersten Seiten der Bibel – ohne Wenn und Aber – auf wie schräg, verkehrt und auch brutal das irdische Zusammenleben sein kann. Das war von Anfang an so in dieser Welt. Aber auch schon auf diesen ersten Seiten der Bibel lehrt er uns wie wir das Leben mit allen unseren Kräften mit SEINEN heilenden und helfenden Kräften vereinen können, um mit vereinten Kräften die vielschichtige Not des menschlichen Zusammenlebens ertragen und möglicherweise überwinden zu können. “Sät nach Gerechtigkeit! Erntet gemäss der Gnade! Brecht euch einen Neubruch! Es ist Zeit, JaHuWaH zu suchen, damit er kommt und euch Gerechtigkeit regnen lässt” (Hos 10,12). Eine moderne Bibelübersetzung schreibt es so: “ Ich sagte zu ihnen: Wenn ihr Gerechtigkeit sät, werdet ihr meine Liebe und Treue ernten. Fangt ganz neu an wie ein Bauer, der ein brachliegendes Feld zum ersten Mal wieder bestellt! Denn die Zeit ist da, mich, JaHuWaH, zu suchen. Dann werde ich kommen und Gutes vom Himmel für euch regnen lassen”.

Es ist sehr beeindruckend wie der Prophet Hoshea seine Zeitgenossen, in ihrem damaligen Lebenskontext, anhand der natürlichsten Vorgänge im Leben, auffordert einen Neuanfang mit JaHuWaH zu schaffen. Im jüdischen Denken hat das Wort Gerechtigkeit, d. h. Zedaka, eine so tiefe und umfassende (umarmende) Bedeutung wie sie im griechischen Denken nicht nachvollziehbar wird, und darum in allen unseren Bibelübersetzungen nur miserabel wiedergegeben wird. Gerechtigkeit schaffen heisst im jüdischen Denken zusammengefasst: aus JaHuWaH und mit JaHUWaH leben (vgl. Lk 15,11-32). Zedaka heisst in seiner tiefsten Bedeutung zuerst einmal sich vertraut und eins machen mit JaHuWaH und seinen Gedanken. Daraus folgt die Zuverlässigkeit des Betreffenden JaHuWaH gegenüber, weil er IHM vollkommen vertraut. Das macht den Menschen vollkommen vor JaHuWaH. Die Sünden und Schwächen sind nicht einfach weggeblasen, das ist mit der Vollkommenheit vor JaHuWaH nie gemeint, das wäre die reinste Heuchelei. Keiner versteht dich in allem deinem Elend besser als ER! Aus dieser Beziehung erwächst eine ganz besondere Lebenskraft, Lebensenergie. Aus ihr erwächst die Zuverlässigkeit und Treue jenen Menschen gegenüber mit denen ich zusammen lebe. Trotz aller Mängel und Enttäuschungen schafft diese Kraft immer wieder einen Neuanfang, sowohl in der Familie als auch in der Gesellschaft, vor allem jenen gegenüber, die an den Rand gedrückt sind und drohen auf irgendeine Weise darin unterzugehen.

Bei mir ganz persönlich liegt die Wahl: Entweder jammere ich in der Tiefe meines Herzens tagein und tagaus über meinen Lebenszustand herum und klage alle anderen über meine unerfüllten Ziele und enttäuschten Hoffnungen und Erwartungen an, oder ich sähe Gerechtigkeit, damit ich Gnade ernte, weil JaHuWaH Gerechtigkeit regnen lässt.

Ganz einfach will uns diese Botschaft sagen: Gehe über die Bücher deines Lebens, aber gib es auf, jede Reaktion deines Nächsten verstehen und ergründen und dich in allem rechtfertigen zu wollen, das führt zu nichts, das erschöpft dich, raubt dir die Lebenskräfte wie ein Parasit und macht dich blind für den eigentlichen Sinn des Lebens. Im Gegenteil, deine Situation wird dadurch nur noch verworrener und auswegloser. Lass dich in die Arme JaHuWaHs fallen. Wirf dich in die Arme JaHuWaHs, vertraue ihm vollkommen, was immer ist und sein wird. Lebe jeden Tag die Gemeinschaft mit ihm. Suche heraus wie du das für dich am Besten tun kannst und tue es konsequent. Das heisst: “Brecht euch einen Neubruch!” Das mag sich für manchen als sehr naiv, zu billig und schlichtweg zu dumm anhören. Doch das ist es nicht! Bis heute habe ich von keinem besseren Weg durch dieses Leben gehört, als Arm in Arm mit meinem Schöpfer durch dieses Leben zu gehen! Das tut einfach gut!!

Shalom, einen gesegneten Shabbat und herzliche Grüsse

Gregor Dalliard