Nachlese zu den Festen Jahwehs im Herbst

Glaubensimpuls 107

Ich bin immer noch sehr berührt von der tiefen heilsgeschichtlichen und damit zusammenhängenden Bedeutung der Feste und Festordnungen Jahwehs. So gut es ging habe ich sie innerlich mitgefeiert, zeitweise mit andern zusammen. Erfrischt und gestärkt darf ich viel davon zehren. Aus diesem inneren Frieden heraus sieht so manches im Alltag, dem wir nicht ausweichen oder entgehen können, anders aus.

Gerade der Aufruf und die Aufforderung Jahwehs sich sieben Tage lang an Sukkot (Laubhüttenfest) zu freuen erstaunt uns immer wieder neu. Manchmal müssen wir extra aufgefordert werden uns wieder zu freuen (vgl. Gim 55). Im Strudel der Alltagsbesorgungen, der täglichen Sorgen, des Zeitmangels, der Müdigkeit oder der Oberflächlichkeit vergessen wir die Freude allzu schnell. Ohne dies zu merken reagieren wir gereizt und aggressiv, ertragen kaum noch etwas, das uns nicht in den Kram passt, werden streitsüchtig und lassen uns von bitteren Gedanken über den Nächsten treiben. Unser Umgang mit den Nächsten kann von einer chronischen Freudlosigkeit beherrscht sein. Das muss und soll nicht sein! Wir sind zu besserem Berufen.

Die Freude an Sukkot, die Jahweh uns schenkt, soll über das ganze Jahr hindurch anhalten, denn sie ist genug begründet. Doch welchem jahwehtreuen Menschen gelingt das schon? Aber wir kehren immer wieder neu, manchmal sieben Mal am Tage, zu dieser Freude zurück, wenn wir wollen. Die Freude liegt in der totalen Vergebung unserer Sünden die uns durch Jahweh geschenkt ist. Warum wohl? Sie ist untrennbar mit der Erwählung des auserwählten Volkes durch Jahweh gegeben. Uns geläufig unter der Formulierung „aus Gnade allein“, d.h. Jahweh hat sein Volk unverdienterweise, ohne Hinzutun eines Menschen, gerechtfertigt, d.h. angenommen. Eine Annahme die niemand und durch nichts aufgehoben werden kann (vgl. 2Mo 34,6; 5Mo 32,4; Ps 25,10; Ps 89,15; Ps 145,17; Jes 49,7; 2Tim 2,13). Darum kann, darf und soll es sich dieser Vergebung immer wieder neu bewusst werden, sie annehmen und sein Leben neu danach ausrichten.

Fünf Tage vor Sukkot schenkte uns Jahweh das Fest Jom Kippur (Versöhnungstag). Hier erfährt jeder aus dem auserwählten Volk, der Jahweh treu ist, dass er unverdienterweise erwählt ist und darum die entsprechende Verantwortung wahrnehmen muss. Er wird sich seines Standes bewusst. Er weiss um seine volle unverdiente Gnade, in der er Vergebung aller seiner Sünden hat, denn Jahweh hat ihn gezeugt und neu geboren (vgl. 5Mo 32,4). Er weiss also von der Thora (Weisung Jahwehs) her, um seine Zeugung und Neugeburt aus Jahweh. Er weiss auch, dass er seine Kindschaft (Sohnschaft) aus Jahweh, und damit sein Heil, niemals verlieren kann, denn Kind bleibt Kind.

Diese unantastbare und unmissverständliche Tatsache begleitet den Jahwehtreuen zwar alle Tage seines Lebens, dennoch hat Jahweh einen bestimmten Tag im Jahr herausgenommen an dem sich sein Volk, das in ihm neu gezeugt und geboren ist, dieser Gnade ganz besonders bewusst wird und über sein Verhalten nachsinnt. „Das soll euch zu einer ewigen Ordnung sein, für die Söhne Israel einmal im Jahr Sühnung zu tun wegen all ihrer Sünden“ (3Mo 16,34).

Sowohl zur Zeit der Stiftshütte als auch später im Tempel war dieses Fest der Gnade, der Sohnschaft, der Versöhnung, in strengen  Zeremonien (gesetzlichen Abläufen) mit Tieropfern gehalten und gefeiert. Übrigens können wir auch hier aus dem Zusammenhang erkennen, dass ewig nicht immer eine unendliche Zeit meint, sondern nur eine bestimmte Zeit. Warum? Mit der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n.Z. hat Jahweh den von ihm nie gewollten Opferkult von Tieren, der die Feste Jahwehs als unnötiges Übel begleitete, aufgehoben. Ich möchte betonen: Jahweh selbst hob also nach seinem Willen, mit der Zerstörung des Tempels, diesen Teil der Versöhnungszeremonien, der mit den Tieropfern zu tun hatte, auf.

Warum aber begleitete der strenge Opferkult so lange das auserwählte Volk? Der Kult von Menschen- und Tieropfern, der mehr oder weniger unter allen heidnischen Völkern praktiziert wurde, wurde auch unter den religiösen Aramäern vollzogen. Als Terach, der Vater Abrahams, ein Aramäer (5Mo 26,5); mit Abraham und den nächsten Angehörigen aus Ur in Chaldäa wegzog um in das Land Kanaan zu gehen (vgl. 1Mo 11,30-31), nahmen sie diesen Kult mit (vgl. Jos 24,2). Nicht von Jahweh her, aber von dem menschlichen Grundbedürfnissen her gehörten die Tieropfer zum unveräusserlichen Bekenntnis der Treue. Sie galten als das vollkommene Zeichen der Versöhnung, der Hingabe, der Abhängigkeit und der Unterordnung unter die jeweiligen Götter. Von diesem Kult her erwarteten die Menschen den Schutz der jeweiligen Gottheit, Segen und Gelingen in ihrem Leben. Abel, der Schafhirte, opferte Jahweh in dieser Haltung die Erstlinge seiner Herde (vgl. 1Mo 4,4). Es wurden dabei immer Erstlinge, das Beste vom Besten, geopfert. Obwohl Jahweh ihm diese Opferung nicht geboten hatte, sah er auf die Herzenshaltung Abels.

Von den Erstlingsopfern der Tiere ging man später auf die Opferung der erstgeborenen Söhne über, die als besonders wirksames Opfer galten. Das ist einer der Hauptgründe, warum Jahweh den gesamten Opferkult beseitigen wollte.

Jahweh verbot Abraham in einer einsichtigen, eindrücklichen und erzieherischen Vorgehensweise das Opfern von Menschen (vgl. 1Mo 22). Er prüfte Abraham und belehrte ihn (vgl. 1Mo 22,1), denn Menschenopfer sind Jahweh ein Gräuel (vgl. 2Kö 16,3; 23,10; Ps 106,36-38; Hes 20,23-26). Immer wieder fiel Israel in diesen Kult zurück (vgl. 2Kö 16,3; 17,17). So kämpfte z.B. Josia gegen die Menschenopfer an (vgl. 2Kö 23,10).

Weil Jahweh das menschliche Wesen kennt, beliess er ihnen zumindest für eine bestimmte Zeit die Tieropfer, deren Opferung er aber im Unterschied zu den heidnischen Völkern äusserst streng regelte (vgl. 3Mo). Doch Jahweh hat nie Tieropfer, d.h. Versöhnungsopfer gewollt oder gefordert. „Brand- und Sündopfer hast du nicht gewollt“ (Ps 40,7; 51,18). Auch Jahshua stellte im Gespräch mit dem Schriftgelehrten die Brandopfer hinter aller persönlichen Beziehung zu Jahweh und erklärte sie damit als wertlos (vgl. Mk 12,33). Damit stimmte er völlig mit der Haltung der Propheten überein.

Jahshua selbst hat sich nie als lebendiges Menschenopfer verstanden, das Jahweh zur Sühnung von Sünden gefordert hätte. Ein solcher Frevel und eine solche Blasphemie übersteigt jede Bosheit, die Jahweh und Jahshua jemals zugefügt worden ist. Diese Überzeugung widerspricht vollkommen der Haltung Jahwehs. Wäre dem so, würde er sich selbst widersprechen und sich als völlig unglaubwürdig erweisen. Abgefallene Menschen in der nachapostolischen Zeit, die als Kirchenväter bezeichnet werden, deuteten  wesentliche Bibelstellen oder Worte Jahshuas und der Apostel um. Wir können dies mit Leichtigkeit aus dem Tenach, d.h. aus der Thora, den Propheten und den Schriften heraus ersehen. Jahshua hat sein Leben bis zum letzten Blutstropfen dahingegeben für seine Freunde. Damit wurde er seinem Auftrag und seiner Botschaft gerecht. Er kam nur um die abgefallenen Söhne zu Jahweh zurückzuführen (vgl. Mt 15,24). Er kam nicht um gerechtfertigte, treue Juden zu rufen (vgl. Mt 9,13; 10,5ff).

Jahshua wusste, dass Menschenopfer Jahweh ein Gräuel sind. Er wäre bestimmt fassungslos und entsetzt über die Lehre der Kirchen, die aus ihm einen Gott machten, der sein Leben als fleischgewordener Gott, als Gott und Mensch, als Menschenopfer einem andern Gott geopfert haben soll. Jahshua lag ganz auf der Linie aller Propheten. Er wusste, dass Jahweh keine Lust auf Opfer von Tieren hat, schon gar nicht auf Opfer von Menschen oder angeblichen fleischgewordenen Göttern (vgl. 1Sam 15,22; Spr 21,3; Pred 4,17; Jes 1,10-17; Jer 7,22; Hos 6,6; 8,11-14; Am 5,22-24).

Die Juden wurden nach der Zerstörung des Tempels in alle Himmelsrichtungen zerstreut und sollten nun lernen ihre Auserwählung und Rechtfertigung vor Jahweh zur Herzenssache zu machen, ohne Opferzeremonien als Versöhnungszeichen. An so vielen Stellen sagt Jahweh, dass er die Tieropfer nie gewollt hat, vielmehr das Vertrauen und den Gehorsam zu ihm. Doch einen Gedenktag ihrer aussergewöhnlichen Sohnschaft und alles was damit verbunden ist sollen alle Gerechtfertigten an Jom Kippur (Versöhnungstag) als Besinnungstag, als Herzensgeschehen, begehen. In dieser Freude wünsche ich allen einen gesegneten Shabbat und eine gesegnete Woche.  Shabbat Shalom!

Gregor Dalliard