“....und JaHuWaH hatte Abraham in allem gesegnet” (1Mo 24,1). Teil 12

Glaubensimpuls 365

Eine Frau schreibt: “Du vertrittst eine seltsame biblische Ethik: versöhnen, versöhnen und nochmals versöhnen, das heisst doch nichts anderes als ewiglich auf Schmusekurs mit jenen gehen zu müssen, die mir tiefes Unrecht zugefügt haben und die selbst keinen Finger für die Wiedergutmachung rühren. Wenn dass denn so einfach wäre. Es gibt unversöhnliche Beziehungen, die bis zum Tode unversöhnlich bleiben, weil der andere nicht willens ist schwere vergangene Unrechtssituationen einzusehen und mit mir zu bereinigen. Der andere will davon nichts wissen und ich, mit meiner christlich anerzogenen Versöhnungsbereitschaft, stehe gedemütigt da, fühle mich alleingelassen, verlassen und in einer aussichtslosen Lage. Was ist denn das für eine Versöhnung, wenn das Unrecht weiterbesteht. Soll ich eine Versöhnung vortäuschen, weil ich sonst keine Gemeinschaft mit Gott haben kann?”

Die Frau schildert ihr Leben. Ihr Mann war auf dem Gebiet der Wirtschaftsinformatik Geschäftspartner mit einem ehemaligen Mitstudenten geworden. Es lief alles sehr gut. Sie kamen zu Wohlstand. Doch dann wurde ihr Mann krank. Überraschend schnell verstarb er nach einem Jahr. Der Geschäftspartner hatte sie im Angesicht dieser schweren Erkrankung hinterhältig betrogen und zwar in einer solchen Art und Weise, dass ihr Mann und damit auch sie, jede Geschäftsbeteiligung verloren hatte. Rechtlich hatte sie nichts in der Hand gegen ihn. Er war selbst von der menschlichen Seite her zu keinem Gespräch bereit. Nun steht sie da, zwar nicht mittellos, aber ihren bisherigen Lebensstandard muss sie in allem massiv einschränken.

Der Groll in ihrem Herzen ist grenzenlos. Er stösst ihr bei jeder Gelegenheit bitter auf und es wird immer schlimmer. “Wäre dieses Unrecht nicht geschehen, dann könnte ich jetzt…” Sie möchte aber nach der Mitzwa JaHuWaHs, d.h. nach der Weisung JaHuWaHs, versöhnt mit den Menschen leben, auch mit dem ehemaligen Geschäftspartner ihres Mannes und seiner Familie. Sie fühlt sich in dieser Situation aber völlig hilflos, kann nicht verzeihen, weil der ehemalige Geschäftspartner nicht bereit ist die Sache mit ihr versöhnlich zu bereinigen. Sie fühlt sich darum auch mit JaHuWaH unversöhnt. Der diesjährige Jom Kippur ist für sie der reinste Horror. Wer von uns könnte sich nicht in der Situation dieser Frau wiederfinden?

Nun halten wir bitte einen Augenblick inne! Welcher Mensch auf dieser Welt erlebt nicht früher oder später in seinem Leben Unrecht – vielleicht ein solches Unrecht, das sich in dieser Welt nicht beheben lässt? Ein Unrecht, das im Leben eines Menschen unsägliche Folgen nach sich ziehen kann. Ein Unrecht, das…. Kein menschliches Leben ist davon ausgenommen. Unrecht können wir in der Grösse der geschilderten Geschichte erfahren, aber auch auf eine andere Art und Weise. Bedenken wir, das tägliche Leben ist voll von zahllosen kleineren und grösseren Missverständnissen und Böswilligkeiten die Unrecht schaffen, Dinge die wir als persönliches Unrecht erleben, Situationen in denen wir uns ungerecht behandelt fühlen und andere unrecht behandeln. Es ist gar nicht möglich jedes Unrecht oder das was wir als Unrecht erfahren, zu bereinigen, aus verschiedensten Gründen und Umständen heraus nicht. Oft ist uns die Tragweite eines Unrechts auch gar nicht bewusst. Meistens gehen sich Menschen aus dem Weg. Das aber ist nicht überall möglich und hebt die Verletzung nicht auf, sie bleibt.

Nun kann ich wählen welchen Weg ich in die Zukunft gehen will. Will ich mit den Verletzungen leben oder mich innerlich heilen lassen? Ich kann vor Wut die Wände hochklettern, weil kein Echo auf meine Versöhnungsbereitschaft zu hören ist. Vielleicht weiss ich nicht wie mit dem erlittenen oder zugefügten Unrecht umzugehen ist. Ich versinke im Laufe des Lebens in immer tiefere bittere Verstrickungen der Anklage, bzw. der Selbstanklage und reagiere im Laufe des Lebens bei gewissen Themen immer öfters abweisend, haltlos. Ich nehme radikale Positionen ein. Dadurch werde ich unfähig gemacht mich über alles soweit wie möglich urteilsfrei, sachlich und einfühlsam auseinanderzusetzen.

Doch es gibt auch diesen anderen Weg, den Weg von Jom Kippur. Was heisst das? Es ist der Weg, der aus dem Glauben Abrahams hervorgewachsen ist, der Weg der Versöhnung. Es ist nicht jene Versöhnung, die wir von unserer heidnisch-christlichen Erziehung mitbekommen haben. Es ist der wunderbare Weg, der uns heilt und wohltut – der uns inmitten aller Ungerechtigkeiten, jener vor allem, die von niemandem als Unrecht erkannt werden und trotzdem geschehen sind und trotzdem Einfluss auf unser Leben hatten oder haben. Er liegt jenseits irgendwelcher Überforderungen, er steht über allen frommen Träumereien. Was heisst hier nun aber Versöhnung oder sich versöhnen?

Seien wir jetzt nicht enttäuscht! Da fällt nicht gleich das Blaue vom Himmel. Dieser Weg wird uns z.B. im Lebensweg des zweitjüngsten Sohnes Jakobs, des Joseph, dargestellt. Simpel einfach lässt er sich aus dem Munde Josephs hören: “Ihr zwar, ihr hattet Böses gegen mich beabsichtigt; JaHuWaH aber hatte beabsichtigt, es zum Guten zu wenden, damit er tue, wie es an diesem Tag ist, ein grosses Volk am Leben zu erhalten.” (1Mo 50,20). Jemand mag fragen, was hat das jetzt mit meinem Leben zu tun? Achten wir auf die Grundaussage: “es zum Guten zu wenden.” Sie trifft auf jede Situation unseres Lebens zu – im Glauben Abrahams. Joseph lebte aus dem Glauben Abrahams. Joseph hatte seine Brüder provoziert, ebenso tat es sein Vater Jakob. Sie hatten das Unrecht mit heraufbeschworen. Sie waren sich dessen vermutlich nicht einmal bewusst. Trotzdem, JaHuWaH machte aus diesem geschehenen Unrecht, das aus diesen Provokationen erwachsen ist, etwas Grossartiges.

Versöhnung geschieht in erster Linie dann, wenn ich erlittenes Unrecht oder anderen zugefügtes Unrecht, das ich nicht wieder gut machen kann, als solches erkenne und dann jenes Glaubensfeld betrete auf dem es heisst: JaHuWaH wendet das zum Guten, macht daraus etwas Gutes. Nehme ich diese Aussage für mich persönlich in Anspruch, in jedem Fall, dann feiert Jom Kippur seinen Versöhnungssieg in unseren Herzen. Wieder einmal erinnern wir uns an die wunderbare Lehre der Pharisäer die uns von Jahushua von Nazareth in Lk 15,11-32 überliefert ist. So versöhnt sich JaHuWaH mit jedem von uns, der sich mit allem Ballast seines Lebens, mit allem erlittenen oder zugefügten Unrecht – mit allem was da ungelöst an uns haftet – in die Arme des himmlischen Vaters wirft.

An diesem Herzen des Abba JaHuWaH hat noch jeder ungerecht behandelte oder Unrecht zugefügte Mensch, samt allen Folgen und Verlusten in seinem Leben, seine Ruhe gefunden. In den Armen des Vaters kann ich alles Unrecht loslassen und muss mich nicht mehr endlosen Überlegungen und inneren Anklagen hingeben. Aufkommende Bitterkeiten verlieren ihre Lust. Sie werden mich nicht mehr gefangennehmen und mir die Zukunft verbauen. Versöhnung heisst in erster Linie nicht, dass ich wieder auf Schmusekurs mit Menschen gehen muss, die mir tiefes Unrecht zugefügt haben, sondern ich übergebe die ganze Sache JaHuWaH. Ich gehe aber vorsichtshalber auf Distanz mit Menschen, die aus welchen Gründen auch immer, mich mit neuem Unrecht belagern könnten. Das sollen wir sogar, als Selbstschutz.

Der Psalm 23 und viele Zeugnisse der Bibel helfen uns die dargebotene Hand JaHuWaHs anzunehmen und ihm alle Menschen und Situationen, die uns Unrecht zugefügt haben oder denen wir nicht wieder gutzumachendes Leid zugefügt haben zu übergeben. Lassen wir los, starten wir neu in den aktuellen Gegebenheiten – das ist echte Versöhnung wie sie für jeden Menschen in JaHuWaH möglich sein kann! Der kommende Shabbat könnte uns dazu dienen. Allen wünsche ich einen gesegneten Shabbat und viel Erleichterung in allem Loslassen. Shalom und herzliche Grüsse

Gregor Dalliard