“....und JaHuWaH hatte Abraham in allem gesegnet” (1Mo 24,1). Teil 10

Glaubensimpuls 363

Wie glaubten die Menschen zur Zeit Abrahams? Wir können uns kaum in deren Lebensweisen und -gepflogenheiten hineinversetzen. Es gab unsere supermoderne Kommunikations- und Informationstechnik nicht, keine digitale Revolution, ebensowenig alle unsere modernen Verkehrsverbindungen und all die Lebenseinrichtungen mit all den sozialen Leistungen. Es gab aber auch nicht den modernen Stress, der soviele Menschen heute ins Abseits treibt, in die Einsamkeit drängt. Die Massen von Menschen sassen auch nicht wochenlang, tagaus tagein, auf ihren Stühlen vor dem Computerding und TV-Kanälen und holten sich ihr Essen nicht in Kaufhäusern. Die meisten unsere Beziehungen zu den Mitmenschen laufen heute über Whats App, Twitter, Facebook, Youtube u.a.m. Dinge die unsere täglichen Bedürfnisse befriedigen sollen laufen über diese Kanäle ab.

Die Menschen zur Zeit Abrahams lebten in der Natur, aus der Natur und mit der Natur. Sie lebten sehr eng verbunden in den gegebenen Naturgesetzen. Kinder wuchsen darin auf. Wie ist das heute in unserer Welt? Massen von Menschen haben heute keine Beziehung zur Natur. Kinder glauben massenweise, dass alles Essen in den Kaufhäusern entsteht und zu finden ist. Kinder fragen, was ist die Natur, wo finden wir sie? Wir haben sie noch nie gesehen! Damals lebte die Menschheit tief verwurzelt in und mit den Naturgewalten des Kosmos und der Erde. Das Leben war geprägt von den Rhythmen der Natur, von Sonne, Mond und Sterne, Tag und Nacht, Sommer, Herbst und Winter (der Winter als Tod), Frühling (als Geburt und immer wiederkehrende Auferstehung), säen und ernten, von zahllosen Kriegen und Beutezügen. Alles wiederholte sich im Kreise. Alle Naturereignisse und Katastrophen, Epidemien, Hungersnöte etc. bildeten für die Menschen ein unüberwindbares Korsett. Unausweichlich steckten sie in diesem Korsett, sie waren darin gefangen, weil sie ebenso unausweichlich davon überzeugt waren, dass hinter allen diesen Naturgegebenheiten zahllose Götter, bzw. Gottheiten stehen, die ihre Launen an den Menschen auslassen. Das Urbedürfnis des Menschen ist es aber den tiefsten Sinn des Lebens zu finden, zu erkennen und darin zu leben.

Er sucht dieses Urbedürfnis in der Anbetung. Hinter allem Sinnen und Hasten des Menschen liegt dieses Urbedürfnis im Menschen verborgen. Die meisten Gottheiten aber waren niederträchtig und voller Bosheit, vor allem die der Dürre, der Überschwemmungen, der Hungersnöte, der Kinderlosigkeit, der Epidemien, der Versklavung nach einem Krieg usw. In allen diesen Naturereignissen rächten sich viele der Götter, weil ihnen zu wenig Achtung (Anbetung) entgegengebracht wurde. Sagen wir es in der heutigen Denkweise: zu wenig Kapellen und zu kleine Heiligtümer bzw. Kirchen gebaut wurden. (Aus diesem Geiste heraus baute der Katholizismus im Mittelalter Dome, Kathedralen, Basiliken und den Petersdom – das war mit ein Grund!). Um den Göttern diese geforderte Anbetung mit ganzem Herzen zu bezeugen wurden ihnen Menschenopfer dargebracht. Jungfrauen oder vorpubertierende Knaben waren die edelsten Opfer, von denen am meisten Wirkung erwartet wurde. Diese Kulte wurden von den Priestern in Geheimnisse gehüllt. Sie konnten so besser nach der menschlichen Seele greifen. Entsprechend wurden sie gefeiert.

Im Laufe der Geschichte stieg auch die Zahl der Götter (später auch Heilige genannt). Ihre absurden und grauenvollen Forderungen nahmen von Generation zu Generation immer schlimmere und abartigere Formen an. Ein solches Leben war hart, nicht lebenswert. Keine Kultur, keine Generation fand einen Weg aus diesem Korsett der (frommen) Finsternis heraus. Der römische Kaiser und Philosoph Marc Aurel ruft um 170 n.u.Z. in seiner Verzweiflung aus: “Auf und ab, hin und her, rundherum, das ist der eintönige, sinnlose Rhythmus des Universums.” Das ist tiefster Fatalismus in dem die griechischen Philosophen, die Stoiker, gefangen blieben. Er war Stoiker. Er verfolgte die Christen, denn ein Staatsstreich wurde befürchtet, weil sie nach der paulinischen Lehre die Ankunft und Herrschaft des Königs Christus predigten. Es ist aber jene Philosophie der Stoiker die bis im 4. Jh. das ganze Christentum gefangen nimmt. Im 5.Jh. haben wir Zehntausende junge Christen, junge Männer und Frauen, die sich aus dieser Denkweise heraus, dem Zölibat verpflichten. Sie meinen damit aus dem frommen Fatalismus ihrer religiösen Welt ausbrechen zu können, weigern sich aber sich auf den Glauben Abrahams einzulassen. Die Rache der Götter bleibt selbst in den Herzen der meisten Christen tief verwurzelt, was vielen nicht bewusst war. Nun zurück zu Abraham. Die tiefste Finsternis grassierte im Land Kanaan, schlimmer als in Ägypten und anderswo. Sie sollen später die zahllosen griechischen Götterkulte beeinflusst haben.

Abraham war der erste Mensch der Geschichte, der diese qualvolle Finsternis der Götterwelten hier auf Erden endgültig und für immer durchbrach. Das ist das Wunder in dieser Welt, das durch nichts und niemand zu überbieten ist, das der ganzen Menschheit zum Segen geworden ist und zum Segen wird (vgl. 1Mo 12,3 u.a.m.). Das ist es was uns zur Anbetung JaHuWaHs befähigt. Das ist es was uns zu immer neuen Danksagungen an JaHuWaH animiert. Gerade erhielt ich eine Mail von einem jungen Mann. Er zitiert aus einem Interview, das eine christliche Zeitschrift mit dem 95-Jährigen polnischen Holocaust-Überlebenden Bronislaw Ehrlich führte, der in der grausamen Not jener Tage katholisch geworden war. Der Absender sandte mir diese Sätze zu mit der Bemerkung, “das wird dich freuen, ist ganz auf deiner Linie.” Er zitiert Herrn Ehrlich: “Ich möchte nicht überheblich klingen, aber sehen Sie: Mit dem Judentum hat die menschliche Geschichte begonnen. Das Alte Testament ist die Quelle des ethisch-menschlichen Gedankenguts. Ich selbst bezeichne mich als liberalen Juden. Je mehr sich die Grenzen verwischen, desto mehr wächst meine Überzeugung für meinen Glauben”.

Ja, so ist es! Mit Abraham öffnete sich die Tür zu JaHuWaH und damit die Tür zu einem ethisch-menschlichen Leben. Wunderbar! JaHuWaH ist aller Anbetung wert. Der Psalmist schreibt im Glauben Abrahams und Saras: “Die ganze Erde wird dich anbeten und dir Psalmen singen; sie wird deinen Namen besingen” (Ps 66,4). Jeshajahu bekennt: “Denn wie der neue Himmel und die neue Erde, die ich mache, vor mir bestehen, spricht JaHuWaH (der HERR), so werden eure Nachkommen und euer Name bestehen. Und es wird geschehen: Neumond für Neumond und Shabbat für Shabbat wird alles Fleisch kommen, um vor mir anzubeten, spricht JaHuWaH (der HERR)” (Jes 66,22-23). Dieser Durchbruch durch alle frommen Finsternisse ist einzigartig. Mit euch allen freue ich mich darüber und wünsche allen einen gesegneten und wohltuenden Shabbat. Shalom!

Gregor Dalliard