“In den Tagen deiner Jugendzeit” (Pred 12,1). Teil 9

Glaubensimpuls 292

Kinder und Jugendliche brauchen Vorbilder. Kinder machen das nach, was ihnen Erwachsene vormachen. Sie sind mit einem ausgeprägten Gespür und Empfinden ausgestattet, das wir Erwachsene kaum wahrnehmen. Sie werden wesentlich von den Menschen in ihrem nächsten Umfeld beeinflusst und in ihren Wesenszügen geprägt. Das können die Eltern sein, Geschwister, nahe Verwandte, Freunde, Lehrpersonen, Verantwortliche in Sport- und Freizeit, Arbeitgeber usw. Oft stehen die Lebens- und Verhaltensweisen der einzelnen Menschen, die Einfluss (Ein-fluss) auf die Kinder und Jugendliche nehmen im Widerspruch zueinander. Kinder und Jugendliche werden solche Widersprüche bald einmal realisieren und die Frage bleibt: Wie gehen sie damit um?

So ist das auch im Glaubensleben. Wachsen Kinder und Jugendliche in einem gesunden religiösen Umfeld auf, und damit meine ich ein religiöses Umfeld in dem über alle religiösen Belange und religiös-geschichtlichen Entwicklungen geredet wird, dann werden sie lernen alles zu hinterfragen was ihnen Religionen als vollgültige Glaubenslehren und -traditionen vermitteln. Sie werden sich auch nicht einfach so zufrieden geben mit dem Angelernten. Entweder werden sie auf diesem Weg ihre Glaubensverantwortung erkennen, vertiefen und festigen oder sie werden zuerst einmal alles über Bord werfen. Dieses Verhalten gehört, schlicht und einfach, zu einer gesunden Glaubensentwicklung. Unser Schöpfer hat diese gesunde Entwicklung in ein jedes Menschenherz gelegt. Sie ist sehr wichtig, gerade was das Glaubensleben angeht. Wir sollten uns darüber freuen und nicht ängstigen und denken, könnten die Kinder womöglich vom Glauben (gemeint ist von meiner Erkenntnis des Glaubens) abfallen. Das würde nur unsere schwache, verkümmerte und erbärmliche Vorstellung von JaHuWaH, dem Schöpfer aller Dinge, offenbaren.

Haben die Eltern eine gesunde biblisch-fundierte, dem prophetischen Wort entsprechende Glaubensbasis gelegt, dann brauchen sich Eltern vor der Glaubensentwicklung ihrer Kinder nicht zu fürchten. Die meisten Priester, Prediger und Eltern in unseren Breitengraden verhindern diese gesunde, vom Schöpfer gegebene Glaubensentwicklung. Sie schüchtern die Kinder frühzeitig religiös ein. Die gesunde Glaubensentwicklung, aus der ein persönlicher verantwortungsvoller und tragbarer Umgang mit dem Leben erwachsen sollte wird frühzeitig unterbunden und abgemurkst, indem schon die Säuglinge radikal vereinnahmt werden und zwar durch ein Sakrament der Taufe, das sie – angeblich nicht widerrufbar – zu Mitgliedern des Christentums macht und ihnen das ewige Leben garantiert. Nicht umsonst gab es während der Reformationszeit folgende Weisheit im Volksmund: Wo der Schatten eines Mönches hinfällt, wächst kein Gras mehr, d.h. dort wird der Glaube als etwas Lebensfeindliches empfunden und funktioniert nur noch als blosse Routine, als abgestumpfte religiöse Pflichterfüllung. Die Geschichte bestätigt uns die Folgen die daraus erwachsen sind.

Während der Pubertätszeit schmeissen viele junge Menschen den anerzogenen Glauben über Bord, weil sie intuitiv merken, dass der ihnen vermittelte Glaube voller Widersprüche ist. Leider sind ihnen keine Voraussetzungen vermittelt worden, die es ihnen ermöglichen würden nach den tieferen Zusammenhängen des Glaubens zu fragen und zu suchen. Sie lassen es einfach sein. Das ist sehr, sehr traurig! Die meisten jungen Menschen denken wohl, dass jeder Glaube so voller Widersprüche ist wie der christliche, der sogenannte neutestamentliche Glaube, den die Kirchenväter Paulus und andere zusammenbastelten und als das “Neue Testament” in die Köpfe der Menschen paukten.

Und – wieder einmal – muss zu aller Schande gesagt werden: die Kirchengründer bezeichneten ihre unsinnigen Lehren, ein Mix aus biblischen Wahrheiten, alten heidnischen Lehren und hellenistisch-stoischen Philosophien, als Bibel, als Fortsetzung der wirklichen Bibel, des TaNaCH. Ja noch mehr: Sie stellten diesen ekelerregenden religiösen Mix als die eigentliche Bibel dar, ja sogar als die Erfüllung des prophetischen Wortes. Damit stellten sie die wirkliche Bibel, den TaNaCH, in den Köpfen ihrer Anhänger für immer in ein miserables, abstossendes und unglaubwürdiges Licht. Welcher junge Mensch spürt da noch ein Verlangen nach der wahren Bibel? Dabei ist uns gerade im TaNaCH der unermessliche und nicht ausschöpfbare Lebensschatz geschenkt und anvertraut, der in jeder Epoche der gesunden lebenschaffenden Auslegung bedarf. Das macht das Leben faszinierend und so wertvoll.

Ein Tag vor Ostern strahlte das Radio SRF1 ein Interview mit einer protestantischen Pfarrerin aus der Zürcher Gegend aus. Thema: Ostern. Ich habe mich für sie geschämt, vor allem als sie auf eine kritische Frage der Moderatorin, im Zusammenhang mit der Auferstehung, in arge Erklärungsnöte geriet. Sie versuchte ihren Unsinn und die “neutestamentlichen” Widersprüche, die sie verlegen machten, mit der Formulierung zu retten und glaubhaft zu machen, indem sie sagte: “das ist Geheimnis des Glaubens”. Damit setzte sie allem einen mystischen, geheimnisvollen Schleier um und setzte den passenden Hut auf. Damit soll die gesunde Kritik im Vornherein verunmöglicht werden. Das ist eine uralte Methode der heidnischen Geistlichen mit der sie ihre Anhänger, bzw. Unterworfenen, mundtot machen und sie von sich abhängig halten! Ihnen wird zu verstehen gegeben: das kannst du sowieso nicht verstehen, das musst du einfach glauben!

Sind Jugendliche aus der Pubertät herausgewachsen, haben sie meistens schon ihre Partner und denken gelegentlich über die Gründung einer zukünftigen Familie nach. Es geht irgendwann um die Frage der religiösen, bzw. der Glaubenserziehung. Was ist kennzeichnend: Sie lassen sich – meistens, was die Kindererziehung angeht, von den Gegebenheiten des religiös-kulturellen Umfeldes treiben. Sie gehen damit im Vornherein irgendwelchen Konflikten aus dem Weg. Ein Beispiel: In den letzten Jahrzehnten haben recht viele junge Frauen aus protestantischen Kantonen, vor allem aus dem Nachbarkanton Bern und aus dem protestantischen Deutschland und Holland, junge Männer aus dem katholischen Wallis geheiratet. Sie sind hier ansässig geworden und entschieden sich katholisch zu werden – um ihrer Kinder willen. In Mörel, in unserem Wohnort, sind es mindestens fünf Frauen.

Ein solcher Schritt mag durchaus vernünftig erscheinen, wenn ich nur meinen kleinen Alltag im Blickwinkel habe und religiös unwissend bin. Doch sollten wir nicht aus der Geschichte lernen und religiöse Systeme, die so viele Todesschatten verbreiteten, so viel Leid über die Ehen, über Andersdenkende, das menschliche Zusammenleben und die gesamte Menschheit brachten, konsequent meiden? Sollen wir nicht den Willen des himmlischen Vaters suchen und ihm so nahe wie möglich kommen und ihn verwirklichen? Wir bezeichnen uns als bibeltreue Menschen, weil wir das von Herzen gerne wollen und danach suchen.

Die christliche Menschheit muss aus ihren religiös erstarrten und verrosteten Traditionen der Kirchenväter, die den unberechenbaren Keim des Bösen verdeckt in sich tragen, herauswachsen. Wir denken an den Holocaust, der als eine “Frucht” aus dem antijüdischen Geist der Kirchengründer hervor gewachsen ist. Das allein müsste schon als Argument reichen – ohne Worte! Nur auf diesem Weg lassen sich schrittweise die Worte der biblischen Propheten umsetzen, die uns als Befehl Jahushuas von Nazareth an seine Bibelschüler – zusammengefasst – überliefert sind: “Betet ihr nun so: Unser Vater, der du bist in den Himmeln, geheiligt werde dein Name; dein Reich komme; dein Wille geschehe, (so) wie (er) im Himmel (geschieht) so (soll er) auch auf Erden (geschehen)” (Mt 6,9-10).

Während der Pessach Zeit, am Shabbat den 15. April, machten meine Frau, meine Tochter und ich einen kleinen Ausflug in unserer Nähe. Auf einem Bergplateau, z.T. mit schroffen Felsen umgeben, einem ergreifenden Ausblick und unter warmem Sonnenschein, legten wir uns ins frisch keimende Gras. Abgesehen von etwas erquickendem Vogelgezschwitscher und einem Adler, der in den Lüften kreiste, umgab uns eine erholsame Stille. Wir ruhten eine Weile in dieser Stille. Plötzlich sagte meine 23-jährige Tochter: Papa, du hast uns viel mit auf den Weg gegeben. Da du mein Vater bist habe ich das übernommen aber auch hinterfragt. Bis heute überprüfe ich was du sagst. Dadurch dass ich das überprüfen konnte, konnte ich mich entwickeln und verstehen lernen was im Leben Sinn macht. Menschen brauchen bestimmte Richtlinien wie die ”Zehn Weisungen” (“Zehn Gebote”) an die sie sich orientieren können. Sie bilden die Basis für jedes vernünftige und gesunde Zusammenleben. Du hast uns viel mit auf den Weg gegeben. Darum darf ich in einer solchen Freiheit leben und gesprächsbereit sein. Dafür danke ich dir.

Wir sprachen mit unseren Kindern schon im Vorschulalter über die “Zehn Weisungen” (“Zehn Gebote”). Wir unterhielten uns lange damit. Die Kinder hatten sie auswendig gelernt bevor sie in die Schule gingen, gemäss der Bibel. Als unsere Tochter das erste Schuljahr besuchte sollten alle Schüler die zehn Gebot auswendig lernen. Der Bibelunterricht ist im Staat Wallis den Lehrpersonen übertragen, nicht den Priestern. Die Priester sind nach dem katholischen Verständnis für das “Wichtigere” zuständig, das sind die Dogmen, Sakramente, Zeremonien u.a.m. Die Lehrpersonen verpflichten sich den Bibelunterricht nach einem staatlich verordneten Plan durchzuführen, der sich an die Dogmen des Vatikans orientiert.

Eines Tages kam unsere Tochter aufgewühlt nach Hause und sagte, welche ”Zehn Gebote” muss ich nun wissen, jene die wir zu Hause auswendig gelernt haben, nach 2Mo 20,1-17 oder jene die uns die Lehrerin zu lernen aufgegeben hat. Papa, du musst unbedingt mit der Lehrerin reden. Ich wusste, dass die Kirchenväter sich angemasst hatten, eines der “Zehn Gebote”, das zweite, zu streichen. Ihre Anhänger werden bis heute darüber in Unkenntnis gelassen und irregeführt. Kaltblütig strichen sie das Zweite Gebot, das sich bei der Entwicklung der Völker immer wieder als äusserst verhängnisvoll entpuppte. Es wären dann nur noch neun gewesen. Das wäre manchen Christen aufgefallen, obwohl der Vatikan den Christen verbot die Bibel zu lesen. Die Juden sprachen nämlich immer von den zehn Geboten in der Bibel, das irritierte manchen Christen und löste heftige Diskussionen aus. Juden gab es überall, gerade wegen der gräulichen Verfolgungen. Was taten die Kirchenväter? Sie zerteilten, durchtrieben wie sie waren, das zehnte Gebot in zwei auf – so waren es wieder zehn. Die aufgebrachten Gemüter liessen sich vom phonetischen Klang her: “Zehn Gebote” täuschen. Jedes Mal wenn sie den Ausspruch “zehn Gebote” hörten, meinten sie fälschlicherweise es seien eben alle “Zehn Gebote” der Bibel in den “zehn Geboten” der Kirche enthalten!

Als ich der Lehrerin die Frage stellte welche “Zehn Gebote” unsere Tochter auswendig können müsse, sagte sie mit voller Überzeugung: die der Bibel, es gibt ja keine anderen! Sie war der vollen Überzeugung, dass die zehn Gebote der Kirche die “Zehn Gebote” der Bibel seien. Als ich ihr die Sachlage darlegte, glaubte sie mir nicht. Sie hätte zu Hause auch irgendwo eine Bibel. Sie würde der Sache auf den Grund gehen. Unsere Tochter sollte jedenfalls jene der Bibel auswendig lernen – die konnte sie aber schon auswendig bevor sie in die Schule ging. Die Lehrerin musste und wollte ihren Irrtum einsehen. Sie war sehr enttäuscht von der Kirche und fühlte sich von ihr betrogen.

“Lehre mich, JaHuWaH, deinen Weg, und leite mich auf ebenem Pfad.. Ach, wenn ich mir nicht sicher wäre, das Gute JaHuWaHs zu schauen im Land der Lebendigen . . .! Harre auf JaHuWaH! Sei mutig, und dein Herz sei stark, und harre auf JaHuWaH!” (Ps 27,11.13-14).

Von Herzen wünsche ich allen Segen und Frieden und ein tief besinnlicher Jom haSho’a. Dieser Tag ist ein israelischer Nationalfeiertag im Gedenken an die Opfer der Shoa (des Holocaust). Er wird am Montag, den 24. April begangen. Im Shabbat davor wünsche ich allen einige tief besinnliche Stunden. Shalom!

Gregor Dalliard