Der Wille des JaHuWaH und mein freier Wille? Teil 15

Glaubensimpuls 466

Wir dürfen nie vergessen: Seit Abrahams Begegnung mit JaHuWaH (dem Monotheismus) und seiner Berufung, darin ein Segen für die ganze Menschheit zu sein, durchlief das auserwählte Volk verschiedene Entwicklungsstufen auf dem Weg des Glaubens – bis in unsere Tage herein. Es sind Jahrtausende der Entwicklung. Eine Frage, die uns immer wieder beschäftigen sollte: Aus welchem Zusammenhang heraus sind die Gebote/Weisungen JaHuWaHs entstanden, in welchem Zusammenhang stehen sie zueinander und wie sind sie in der jeweiligen Gegenwart auszuleben? Jede Generation muss sich damit befassen, weil sie nur so dem Willen des JaHuWaH für die jeweilige Zeit gerecht werden kann. Das macht die Lebendigkeit des JaHuWaH im Unterschied zu den von Menschen gemachten Götzen und Göttern, in den Religionen, aus. Es ist ein ständiges Ringen zwischen dem Beachten und Bewahren von Geboten/Weisungen, die allezeit grundsätzlich und unveränderbar bleiben müssen und dem Loslassen von Geboten/Weisungen, die in den fortlaufenden Jahrhunderten als vorübergehende, als zeitbedingte Gebote/Weisungen, wieder aufgegeben werden sollten. Sie sind den Menschen gegeben, damit sie in ihrem Leben dem inneren Frieden, und einem gesegneten Zusammenleben untereinander, dienen.

Wir können diese Entwicklungsstufen mit den Schuljahren eines Menschen vergleichen. Vom Kindergarten bis hinauf zur letzten Ausbildungsstufe durchlebt ein Kind laufend Veränderungen. Sie sind für sein Bestes notwendig. Diese Ausbildungsstufen gehören für die Wahrnehmung und die Entwicklung der Eigenverantwortung notwendig dazu. Manchmal würde ein Kind lieber bequem für immer im Kindergarten sitzen bleiben und nie Eigenverantwortung entwickeln und für sein Leben übernehmen wollen. Das wäre zwar bequem, wo das aber hinführen würde, ist uns in den erstarrten Hierarchien und Gesetzen der Religionssysteme anschaulich gegeben. Wer von uns hat die Zielsetzung JaHuWaHs für sich, in seinem Herzen, angepeilt? Wer lebt darin? Diese Zielsetzung durchzieht die ganze Bibel (TaNaCH, “Altes Testament”). Auf diese Zielsetzung hin sollen wir unser Leben ausrichten und leben. Der Wille des JaHuWaH ist diese Zielsetzung. Sie zu entdecken ist faszinierend und wirkt Wunder in unserem Leben. Sie ist uns zusammengefasst, z. B. auch in Jer 31,33-34, dargestellt. Hier eine freiere Übersetzung der Zielsetzung JaHuWaHs. Sie soll den Sinn dieser Ausrichtung verdeutlichen: “Sondern das ist das Ziel des Bundes, den ich mit dem Haus Israel geschlossen habe und der in jenen Tagen zu seiner Fülle gelangen wird, spricht JaHuWaH: Meine Weisungen werden in ihnen sein (jeder wird in mir mündig sein und selbst beurteilen können, was für sein Leben und das seiner Mitmenschen hilfreich sein wird). Meine Weisungen werden in ihrem Inneren sein, ich werde sie auf ihr Herz scheiben, d. h. sie werden nicht mehr nur auf dem Papier geschrieben sein, sondern in ihren Herzen. Sie werden begriffen haben, dass ich ihr Erlöser bin, der mit ihnen durchs Leben geht. Darin werden sie mein Volk sein. Dann wird nicht mehr einer seinen Nächsten oder einer seinen Bruder lehren und sagen: Erkennt JaHuWaH! Denn sie alle werden mich darin erkennen, von ihrem Kleinsten bis zu ihrem Grössten, spricht JaHuWaH”.
Ja, sie werden den Weg mit JaHuWaH gehen, mündig, eigenständig, zwar unterschiedlich, aber jeder in der Eigenverantwortung für sein Leben und das seiner Mitmenschen – immer aber im und aus dem Lichte jener beständigen Gebote/Weisungen, die dem Einzelnen und den Mitmenschen ein friedliches Leben ermöglichen. Ein befreites Verhältnis zu JaHuWaH bringt ein Leben der Hoffnung der Freude und des Segens (vgl. 1Mo 12,3). Es fördert und schafft die Eigenverantwortung, d. h. für das eigene Leben, bezieht aber immer auch das Leben der Mitmenschen mit ein. Es werden Entscheidungen getroffen, die nicht immer allen passen werden. Darum werden sie von jenen, die in diesen biblischen Zusammenhängen nicht bewandert sind gerne als JaHuWaHlos (gottlos) verurteilt werden.

Das oben Gesagte fliesst aus den zwei Grundsätzen des biblischen Zeugnisses heraus, auf die ich gerne nochmals hinweisen möchte. Der erste Grundsatz ist: “Niemand kann JaHuWaH sehen und am Leben bleiben”. Das ist sehr gut so. Würden wir JaHuWaH sehen, wäre uns jede Eigenverantwortung für unser eigenes Leben genommen. Wir wären blosse Marionetten, Figuren in den Händen JaHuWaHs, so wie Figuren auf einem Schachbrett, die hin und her geschoben werden. Wir sind alles andere als das. Der zweite Grundsatz ist: “Du sollst dir von JaHuWaH kein Bild machen." Das ist super so! In der Sprache und im Verständnis der Bibel ist uns damit gesagt: JaHuWaH geht mit den Menschen durch die Zeit. Darum ist er nicht fixierbar an menschliche Definitionen über IHN. Das heisst: Mensch nutze deinen Verstand, den dir dein Schöpfer gegeben hat. Schalte in deinem Leben das Denken ein und suche das Beste für dich und deine Mitmenschen. Das ist der Wille des JaHuWaH. Freue dich an dieser Möglichkeit. Tausche dich mit anderen darüber aus, denn keiner von uns besitzt alles Verstehen und Wissen des JaHuWaH. Damit haben wir Teil am Leben spendenden Willen des JaHuWaH. Darum gibt es bei allen Fragen des Lebens den Austausch, die Diskussion, das Suchen nach dem was dem Menschen heute dient. Wäre dem nicht so, hiesse das, sich von JaHuWaH ein Bild machen, sich daran binden. Alles Leben würde zu einem frommen Getue erstarren und am Leben vorbeigehen. Mit solchen Menschen gibt es kein Vorwärtskommen im Leben. Im Prinzip sind sie Feinde JaHuWaHs, weil sie IHM SEIN Wort nehmen, IHN für ihre religiösen Phantasien missbrauchen, wie das etwa Paulus und die Kirchengründer taten. Entscheide und lebe. Lass dir von niemandem eine Lehre aufschwatzen, die von JaHuWaH sein soll, die aber nicht dem Leben dient, sondern allein dem Erhalt frommer Phantasien und toter Vorstellungen.

Was wollen uns Thora und Propheten mit diesen beiden absolut wegweisenden Grundsätzen sagen? Wir wiederholen: Bestimmte Gebote und Weisungen, die JaHuWaH zu einer bestimmten Zeit, aus einer ganz bestimmten Situationen heraus verordnete und die sogar mit der Todesstrafe belegt waren, unterliegen später nicht mehr diesem Gesetz. JaHuWaH weiss, dass die Menschen in der Erkenntnis wachsen, in jedem Bereich des menschlichen Zusammenlebens, in der Medizin, der Technik, im sozialen Gefüge, den Medien, usw. usf. Durch alle die neuen Erkenntnisse wächst die Einsicht in die Zusammenhänge des menschlichen Wesens und Seins.

So verhält es sich, mit der Praxis der Todesstrafe, im Zusammenhang mit dem Tieropferkult, vieler Reinigungsgesetze, ethisch-moralischer Werte wie Ehebruch und vieler anderer Dinge. Es ist und bleibt von grossem Segen, gut auf diese vielen Unterscheidungen zu achten. JaHuWaH hat sich in allen diesen Verordnungen den Menschen angepasst, ihrem jeweiligen Verstehensvermögen. Er hat die Menschen in ihrer Welt abgeholt, dort wo sie gerade lebten, dachten und glaubten. Die Formulierungen und Begriffe von der Rache, dem Hass, dem Zorn JaHuWaHs, der Gottesfurcht usw. müssen wir in dem damaligen Kontext belassen bleiben. Sie sind und bleiben dem damaligen zeitbedingten Verstehensvermögen der Führenden angepasst. Sie gehören nicht zum Wesen und zum Wortschatz des JaHuWaH. Sie hatten aber eine Zeit lang eine begrenzte Berechtigung, gemäss dem damaligen Verstehensvermögen, gemäss den unterschiedlichen Entwicklungsetappen – als Prozesse der Übergänge. Die grossen Propheten, Gerechte und Pharisäer haben diese Wachstümlichkeit und Veränderbarkeit vieler Weisungen/Gebote erkannt, verstanden. Sie lernten damit umgehen – schrittweise. Sie lernten schrittweise loslassen, Neuem Platz machen.

Allen wünsche ich einen gesegneten und froh machenden Shabbat: “Dies ist der Tag, den der JaHuWaH gemacht hat! Seien wir fröhlich und freuen wir uns in ihm!” (Ps 118,24). Shalom! Mit herzlichen Grüssen

Gregor Dalliard

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