Der Shomer – der Wächter. Teil 2

Glaubensimpuls 470

Wir sagten im letzten Gim 469: “Im biblischen Sinn (“AT”) ist der Wächter des Glaubens nicht zu verwechseln mit einem Religions-Hüter, der über eine Theologie wacht..”, wie das im “NT” und in allen Religionen der Welt der Fall ist. Sagen wir es ganz einfach. JHWH, und damit das israelitisch-jüdische Volk, kennt keine Theologie. Das Volk kennt das Leben aus, in und mit JHWH, weil es aus IHM gezeugt und geboren worden ist. So mussten die Propheten das Volk immer wieder an ihre Herkunft und ihre hohe Bestimmung für die Welt erinnern (vgl. 1Mo 12,3), wenn sie in der Berufung schwankten. Mit eindrucksvollen Worten taten sie das jeweils, manchmal mit härtesten Worten: “Den Felsen, der dich gezeugt, täuschtest du und vergassest JHWH, der dich geboren.” (5Mo 32). Das Verhältnis ist so wie das von Eltern zu ihren Kindern und umgekehrt, und zwar in allen Varianten des Lebens. Das menschliche Zusammenleben und der ständige Versuch miteinander auszukommen oder entsprechende gangbare oder erträgliche Situationen zu schaffen, gehört fundamental zu dieser Beziehung, die ebenso das menschliche Alltagsleben ausmacht. Natürlich leben heute viele Juden, vom Christentum verführt, keine persönliche Lebensbeziehung in, mit und aus JHWH. Ihr Leben ergötzt sich im Erfüllen von Liturgien in den religiösen Festzeiten. Da ist oft keine lebendige Beziehung mehr mit JHWH erkennbar, entsprechend verläuft ihr Benehmen in ihrem Leben.

Die Wächter JHWHs konnten nicht schweigen, wenn das menschliche Zusammensein aus den Fugen zu geraten drohte, wenn Frauen, Witwen und Waisen ausgebeutet, wenn gesundes Recht und Gerechtigkeit mit Füssen getreten und Fremde unterdrückt wurden, d. h. wenn das Shma Israel und das Zehn-Wort, die Grundlagen eines jeden menschlichen Zusammenlebens, verflachte, aus dem Bewusstsein und dem Leben der Menschen zu schwinden drohte. Bedenken wir, als Lebensgrundsatz gilt: Menschen zurückstellen, sie verachten, sie um ihre Würde bringen, war und bleibt genau so schlimm, wie wenn jemand JHWH ignorieren, missachten, ja sogar verhöhnen würde. Diese unantastbare Tatsache vertritt der Rabbi Jahushua von Nazareth ebenso vehement, wie alle seine pharisäischen Glaubensbrüder und Schriftgelehrten (vgl. Mk 12,29-33). Auf das achteten jene Menschen innerhalb des israelitisch-jüdischen Volkes, die sich als Propheten berufen wussten, ebenso die Gerechten und die Schriftgelehrten. Hier sollte und durfte es nie eine Trennung geben. Das ist Beziehung, das ist weit mehr als das Einhalten von Glaubensregeln. Das ist das Reich JHWHs (im gängigen Sprachgebrauch: Reich Gottes, Himmel).

Im Nicht-schweigen-Können erkannten die Shomrim (Wächter) ihre Berufung und Sendung von JaHuWaH her. Diese Tatsachen sind uns in den verschiedenen Berufungsgeschichten im TaNaCH, der Bibel (“Altes Testament”) sehr anschaulich und reich an Bildern überliefert. “Wer JHWH dient (auf IHN hört, achtet), dessen Worte sind eine Quelle des Lebens. Doch hinter den Worten eines JaHuWaH-losen Menschen lauert die Gewalt” (Spr 10,11). Nichts von JHWH, aus der Quelle des Lebens, das ein erfülltes Zusammenleben der Menschen untereinander schafft, sollte in Vergessenheit geraten, damit die nachkommenden Generationen diese Lebensquellen allezeit im Herzen tragen und ein besseres Leben entfalten und führen können, wovon wir heute alle profitieren, was uns täglich zu unendlichem Dank motiviert. David sagt: “Er erquickt meine Seele” (Ps 23,3). Oder wie Rut zu ihrer Schwiegermutter Noomi sagt: “Und er wird dir ein Erquicker der Seele sein und ein Versorger deines Alters! (Rt 4,15). Der Prophet Jirmejahu (Jeremia) ruft das Volk auf: “So spricht JHWH: Tretet auf die Wege, seht und fragt nach den Pfaden der Vorzeit, wo denn der Weg zum Guten sei, und geht ihn! So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen” (Jer 6,16). Einfach realistisch und wunderbar! Das tut gut!

Darauf achteten die Bibelschreiber mit äussester Akribie. Das lässt uns den Blick in die wichtige Bedeutung ihres Dienstes werfen, den die Propheten entweder für die jeweilige Zeit als bestimmend vertraten und weitergaben – oder je nach Inhalt – als bestimmend für alle Zeiten weitergaben, also auch für unsere Zeit, was für unser Zusammenleben unerlässlich, unentbehrlich ist. Die Propheten sollten im Auftrag JHWHs Dinge beim Namen nennen, die vertuscht wurden, die vor sich dahin schlitterten, die Menschen offen ins Messer laufen liessen, ohne dass jene, die öffentliche Verantwortung trugen, darauf reagierten. Sie sollten die Konsequenzen des verkehrten Handelns aufzeigen. Das hebräische Wort Shomer (Wächter) hat über das Jiddische Eingang in unsere deutsche Sprache gefunden: “Schmiere stehen”. Das sind ProphetenInnen. Sie sollen das Ganze im Blick behalten. Wir haben im Gim 458 wieder einmal auf den tiefen Zusammenhang des Namens JHWH hingewiesen. Er mündet in das hinein, was alle ProphetenInnen, Gerechten, Schriftgelehrten, so auch Jahushua von Nazareth, als das Herz des israelitisch-jüdischen Glaubens lebten und lehrten. Darin gab es keine Trennung, keine Scheidung: hier die Lehre, dort das Leben, wie wir das weitgehend im Christentum kennen. Das heisst versöhnt sein mit JHWH, als Geretteter, Erlöster leben, Teil am ewigen Leben haben.
Die zentrale Lehre des Christentums lautet: Gerettet werden, ewiges Leben haben, versöhnt sein mit Gott (gemeint ist ihr Gott) ist nur über das Blut eines Menschenopfers möglich. Der Gott der Christen hat damit definitiv nichts mit JHWH zu tun. Er fordert das Einhalten völlig absurder, heidnischer Glaubenssätze und Rituale. Die Gründer des Christentums, d. h. die Anhänger aus der griechischen Welt (Philosophen), machten aus dem von den Römern gepfählten Juden Jahushua von Nazareth eine Gottheit, wie es deren viele in der griechischen Kultur gab. Sie setzten ihn schliesslich über alle Göttersöhne und Götter. Diese Gottheit, der griechische Logos, wahrer Mensch und wahrer Gott, ist für sie das Menschenopfer, das ihre Gottheit von sich selbst forderte und zwar ist er das Menschenopfer Jesus Christus, das die ganze Welt mit ihrem Gott (mit sich selbst) versöhnt hat (vgl. 2Kor 5,19). “..das Blut Jesu, seines Sohnes, reinigt uns von jeder Sünde” (1Joh 1,7). “Und er selbst ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.” (1Joh 2,2). “..und von Jesus Christus.., welcher uns erlöst hat von unsern Sünden mit seinem Blut” (Offb 1,5). “..um wie viel mehr wird dann das Blut Christi, der sich selbst als Opfer ohne Fehl durch den ewigen Geist Gott dargebracht hat, unser Gewissen reinigen von den toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott! (Hebr 9,14).
Das ist eine schrecklich heidnische und finstere Lehre, die am Leben vorbei geht. Eine solche lebensfremde Lehre hätte Jahushua von Nazareth niemals unterstützt. Er hätte sie im hohen Bogen verworfen, denn über sein Blut wird kein Mensch sein Gewissen von toten Werken reinigen können und davon befreit werden, um dadurch dem lebendigen JHWH dienen zu können. Das ist ein Irrsinn und widerspricht vollkommen dem Glaubensleben des Jahushua von Nazareth. Aber diese griechisch-christliche Philosophie wird den Christen von Kindesbeinen eingebläut. Niemals aber dienen sie damit dem lebendigen JHWH, dem Leben, den Menschen zum Besten. Sie dienen einer Gottheit, die im Griechischen Theos (Gott) genannt wird. Damit dienen sie einem antisemitischen Gott, einem ideologischen System, das im Holocaust vor der ganzen Welt sein wahres (faschistisches) ersatztheologisches Gesicht offenbarte. Die Irrlehre von der Erlösung durch das Menschenblut eines entjudaisierten jüdischen Rabbi, angeblich durch die Juden gepfählt, und den unbedingten Glauben daran – und das Ritual der Taufe – steht in den christlichen Kirchen und Gemeinschaften über der Frage des Wohlergehens eines Menschen. Wie oft habe ich das in den unterschiedlichsten Kirchen und Gemeinschaften beobachten können. Ist jemand nicht getauft, oder stellt jemand “unpassende” Fragen, dann kann es mit der “Nächstenliebe” schnell aus sein.
Innerhalb des Judentums gab es immer wieder Tendenzen, die einer Scheidung von der Zugehörigkeit zu JHWH und dem praktischen Umgang des Einzelnen mit den Menschen im Alltag, Vorschub leisten wollten. Die Reaktionen der Propheten und der Schriftgelehrten blieben nicht aus. Sie waren immer wieder sehr heftig, weil sie wussten was damit in Gefahr stand. Der junge Jahushua von Nazareth reagierte in diesem Sinne ebenfalls äusserst heftig, verantwortungsbewusst und ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Dieses Verhalten innerhalb des israelitisch-jüdischen Volkes kennzeichnete einen Shomer. Das ist innerhalb des Christentums nicht möglich, weil sich die “geistliche” Elite nichts von jemandem sagen lässt, der nicht Kleriker ist. Niemals aber war Jahushua gegen die Juden, gegen seine Brüder, sein Volk. Das Verhalten aller Propheten, aller Gerechten und gesunden Schriftgelehrten wurde später von den Gründern des Christentums als Feindschaft der Propheten und des Jahushua zum Volk Israel interpretiert. Dem aber war und ist nicht so. Die griechischen Philosophen, die Gründer und Entwickler des Christentums, verstanden die innerjüdischen, sehr heftigen Auseinandersetzungen, einfach nicht. Sie interpretierten den Jahushua von Nazareth als Feind der Juden, als jemand der gegen die Juden gerichtet war, als jemand, der eine Trennung von den Juden vorgenommen hatte, der die christliche Kirche gegründet hatte und darum von den Juden umgebracht worden ist. Ein schändlicher Missbrauch mit den furchtbarsten Folgen, die diese Welt jemals gesehen hat. Das ist griechische Philosophie, die Verzerrung des innerjüdischen Lebens und das eines eifrigen Juden, des Jahushua, innerhalb seines Volkes. Diese Lehre widerspricht jeder geschichtlichen Wirklichkeit, wurde aber vom griechisch-heidnisch geprägten Klerus stetig als finsterste Ersatztheologie weiterentwickelt, Hand in Hand mit furchtbaren Judenpogromen. Sie führte schliesslich zum Holocaust, inmitten des christlichen Europas. In diesem Sinne ist das “Neue Testament” entstanden. 1'700 Jahre grausamster Verfolgung der Juden, wegen der Verzerrung, des Missbrauchs und der Unwissenheit über den Dienst eines Shomers, innerhalb des israelitisch-jüdischen Volkes.
Allen wünsche ich von Herzen ein freudiges Fest Rosh haShana; shana tova, ein gutes Jahr. Jedem wünsche ich, ebenso von Herzen, allezeit verständnisvolle Mitmenschen in seinem Leben.

Gregor Dalliard

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