Die Liebe zur Thora: „Wie liebe ich deine Thora! Sie ist mein Nachdenken den ganzen Tag“ (Ps 119,97)..

Glaubensimpuls 177

Den letzten Gim 176 habe ich unter anderem mit dem Vers 97 aus Psalm 119 abgeschlossen: „Wie liebe ich deine Thora! Sie ist mein Nachdenken den ganzen Tag„.

Die Fragen sind berechtigt, wird ein Mensch nicht über alle Masse gestresst sein und vollkommen durchdrehen, wenn er den ganzen Tag über die Inhalte der Thora nachdenken soll? Kann er unter diesen Umständen noch Zeit zur Erfüllung seiner täglichen Aufgaben finden?

Wie sollte Josua die grossen Aufgaben die ihm Moshe auferlegte überhaupt erfüllen können, wenn der Auftrag damit verbunden war: „Dieses Buch der Thora soll nicht von deinem Mund weichen, und du sollst Tag und Nacht darüber nachsinnen..“ (Jos 1,8). Schon mancher hat sich über diese Anforderung JaHuWaHs den Kopf zerbrochen und JaHuWaH und sein Wort – die Thora – als verrücktes Buch endgültig beiseite gelegt, nachdem er solche Anforderungen JaHuWaHs las.

Ehrlich gesagt, auch mir waren früher solche Anforderungen JaHuWaHs suspekt. Doch was ist damit eigentlich gemeint? Das was damit gemeint ist drückt das Zeugnis über den König im Umgang mit der Thora sehr gut aus. Ich habe es im letzten Gim bereits zitiert:

„Und es soll geschehen, wenn er auf dem Thron seines Königreiches sitzt, dann soll er sich eine Abschrift der Thora in ein Buch schreiben, aus dem Buch, das den Priestern, den Leviten, vorliegt. Und sie soll bei ihm sein, und er soll alle Tage seines Lebens darin lesen, damit er JaHuWaH, seinem Erlöser gehorchen (Ehrfurcht entgegenbringen) lernt, um alle Worte der Thora und diese Ordnungen zu bewahren, sie zu tun, damit sein Herz sich nicht über seine Brüder erhebt und er von dem Gebot weder zur Rechten noch zur Linken abweicht, damit er die Tage in seiner Königsherrschaft verlängert, er und seine Söhne, in der Mitte Israels“ (5Mo 17,18-20).

Was ist in dieser Aufforderung für unser Leben wichtig?

Erstens sollen auch wir im persönlichen Besitze der Thora oder des ganzen Tanach sein.

Zweitens sollen auch wir täglich darin lesen, damit wir uns nicht über die Brüder, die Familie, die Mitbewohner, die Freunde, die Nachbarn, die Mitarbeiter, die Glaubensgeschwister, die Kranken, die Versager, die Schuldigen, die Fremden und wer auch immer, erheben. Die Liebe zu JaHuWaH ist ja in der ganzen Thora zentral mit der Liebe zum Nächsten verbunden. Darin bringt der Mensch JaHuWaHs seinem Erlöser JaHuWaH gegnüber die ihm gebührende Ehrfurcht vollends zum Ausdruck.

Drittens hilft uns die Beschäftigung mit der Thora weder zur Rechten noch zur Linken abzuweichen. Beides ist möglich. Unsere Beziehung zu JaHuWaH kann im Alltag vom gesunden Mittelweg abkommen. Entweder durch eine übertriebene Religiosität, die sich in religiösen lebensfeindlichen Entscheidungen äussert, die die Menschen belasten. Oder auch durch Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit JaHuWaH und seinen gesunden Ordnungen gegenüber. In der Thora ist uns die Möglichkeit geboten den Mittelweg zu finden. und auf dem Wg der Mitte, d.h. des Segens zu wandeln.

Darum sind wir viertens eingeladen alle Umstände, die auf uns zukommen und alle neuen Entwicklungen im Lichte der Thora zu beleuchten. Wir sollen diese Dinge nicht einfach so vor uns dahinschlittern lassen. Wir werden aufgefordert Lösungen aus dem Lichte der Thora heraus zu suchen und zu finden.

Darum ist fünftens das ganz persönliche Bibellesen so notwendig. Selbst wenn ich die Thora und die Zeugnisse der Propheten und die Psalmen inn- und auswendig kennen sollte, und so manches mit geschichtlichen Ereignissen verknüpft ist, werde ich beim Lesen immer wieder neue wegweisende Antworten in den Umständen meines Alltags und auf meine Lebensfragen finden, ebenso Ermahnung, Trost und Ermutigung. Die gemeinsamen Gespräche und der Austausch über die Inhalte der Bibel am Familientisch, regelmässige Bibelrunden und was auch immer an gemeinsamem Bibellesen möglich ist, soll uns dadurch zum Segen werden.

Selbst wenn bei solchen Anlässen nicht immer alles genau gleich verstanden und ausgelegt wird, soll uns das in keiner Weise verunsichern oder entmutigen. Wir dürfen differenzierte Erkenntnisse unter den Teilnehmern niemals als Angriff auf unsere Person verstehen. Vielmehr dürfen wir uns darüber freuen, wenn Menschen überhaupt bereit sind gemeinsam über die Botschaft JaHuWaHs nachzusinnen. Unser ganzes irdisches Leben sollte davon getragen sein. Darüber freut sich der ganze Himmel.

JaHuWaH will unser Wachstum in der Erkenntnis seines Willens für jede Zeit. Dadurch beweisen wir, dass wir mit ihm gehen und unsere Beziehung (Glaubens) zu ihm lebendig erhalten und vertiefen. JaHuWaH hat vieles im Leben auf Wachstum und Veränderung ausgerichtet. Das hat er so angeordnet. Er zeigt uns das anhand seines auserwählten Volkes auf seinem langen Weg durch die Menschheitsgeschichte. Das ist einfach wunderbar und fordert viel Fingerspitzengefühl. Das macht die Thora zu einem Buch voller Leben für jede Zeit.

Es gab und gibt laufend Bereiche die der Entwicklung, dem Wachstum und den Veränderungen unterworfen waren und sind. Das zu ignorieren heisst auf dem Buchstaben sitzen bleiben. Der Tanach, (Thora, Propheten und Schriften) zeigt uns durchgehend, dass der Buchstabe tötet, wenn er nicht ins Leben übertragen und entsprechend gelebt wird. Das macht den Menschen zum Heuchler. JaHuWaH musste sein auserwähltes Volk durch seine Propheten immer wieder daran erinnern und ermahnen: „Und JaHuWaH hat gesprochen: Weil dieses Volk mit seinem Mund sich naht und mit seinen Lippen mich ehrt, aber sein Herz fern von mir hält und ihre Furcht vor mir nur angelerntes Menschengebot ist: darum, siehe, will ich weiterhin wunderbar mit diesem Volk handeln, wunderbar und wundersam. Und die Weisheit seiner Weisen wird verlorengehen und der Verstand seiner Verständigen sich verbergen“ (Jes 29,13-14).

Wo die Thora nicht durch den ständigen Austausch ins Leben umgesetzt wird, geht die Weisheit des Lebens verloren und die Vertreter der Thora werden zu Werkzeugen der Heuchelei und der frommen Unterdrückung.

Schon sehr früh haben sich die Menschen des auserwählten Volkes bei ihren Bibelversammlungen Notizen über Auslegungen der verschiedensten biblischen Inhalte gemacht. Wie lebe ich im Lichte der Thora die Ordnungen, Rechtsbestimmungen und Shabbate im praktischen Alltag, damit ich weder zur Rechten noch zur Linken falle, d.h. damit ich mich nicht des Segens beraube? Dem einen wurde während der Bibelversammlung dies dem andern jenes klar. Rabbiner (Lehrer), welche die Bibelversammlungen leiteten, waren fast täglich damit beschäftigt bei den anfallenden Dingen des Lebens nach Antworten im Lichte der Bibel (Thora) zu suchen und diese schriftlich festzuhalten. Sie galten als Hilfe und Wegweisung wie die Thora im Alltag gelebt werden kann und soll, damit die Lesenden weder zur Rechten noch zur Linken abfallen.

Diese Kommentare und Auslegungen wurden später gesammelt. Man nennt diese Sammlung von Anweisungen und Belehrungen Talmud (hebräisch ‏תַּלְמוּד‎). Talmud heisst auf Deutsch Belehrung, Studium. Diese Kommentare bekamen nicht den Wert der Thora, sie werden aber unter dem Namen Talmud als die mündliche Thora bezeichnet. Sie war und ist für viele Juden eine Lebenshilfe von aussergewöhnlicher Kraft.

Der Talmud besteht aus zwei Teilen, dem älteren Mischna und dem jüngeren Gemara. Die Mischna ist die erste größere Niederschrift der mündlichen Thora, der Kommentare zur Thora. Da aber die Entwicklung des Lebens weitergeht mussten zu den Texten der Mischna neue Kommentare gemacht werden. Diese werden Gemara genannt. Die Gemara erläutert und ergänzt also den Stoff der Mischna, der mündlichen Überlieferung. Beide zusammen machen den Talmud aus. Er liegt in zwei Ausgaben vor, dem Babylonischen (Talmud Bavli) und dem Jerusalemer Talmud (Talmud Jeruschalmi).

Wenn wir uns zu unseren Bibelversammlungen einfinden machen wir im Prinzip dasselbe wie die jüdischen Vorväter und Väter das immer schon gemacht haben. Wir machen uns bestimmte Notizen zu Themen, die uns gerade beschäftigen. Das macht das Leben mit JaHuWaH im Umgang mit seinem Wort sehr interessant. Darauf liegt ein grosser Segen und der innere Friede.

Nun, wie gehen die christlichen Kirchen und Gemeinschaften z.B. mit der Aussage um: „Wie liebe ich deine Thora! Sie ist mein Nachdenken den ganzen Tag“ (Ps 119,97)? Drüber wollen wir uns im nächsten Gim Gedanken machen.

Von Herzen wünsche ich allen einen gesegneten Shabbat und viel Freude auf dem dem Weg mit JaHuWaH im Lichte der Thora – wie ihn übrigens auch Jahushua suchte und ging. Shalom!

Gregor Dalliard