"Und siehe, der Vorhang des Tempels zerriss in zwei [Stücke],von oben bis unten.." (Mt 27,51a).

Glaubensimpuls 299

Immer wieder gibt es in unserem kleinen Alltag Unvorhergesehenes, Begegnungen, die uns erbauen und auf unserem Glaubensweg neu motivieren. Als ich am letzten Dienstagvormittag den Abfallsack zum Container brachte, der ca. 150 m von unserem Haus entfernt am Strassenrand steht, gingen zwei nette ältere Damen an mir vorbei. Sie blieben auf der Höhe unseres Hauses stehen, blickten zum Eingang hinunter (das Haus ist am Hang gebaut) und diskutierten miteinander. Als ich mich dem Hause wieder näherte, fragten sie mich wer wohl in dem Haus wohnen möge? Etwas später kam auch meine Frau dazu. Mir war klar aus welchem Grunde ihre Frage kommen konnte. Schauen die Vorbeigehenden von der Strasse auf unser Haus hinab, sehen sie beim Eingang, auf der Innenseite, eine Menora auf blau-weisser Fahne. Die zwei Damen sind Jüdinnen aus Bruxelles/Brüssel, Belgien. Der kurze Austausch mit den zwei Jüdinnen hat uns sehr motiviert unseren geführten Glaubensweg mit viel Freude und grosser Dankbarkeit, zusammen mit suchenden Menschen und Gleichgesinnten, weiterzugehen.

Fehlinterpretationen des biblisch-prophetischen Wortes haben gräuliche und abscheuliche Folgen über die Menschheit gebracht. Wer darf das heute, bei allen Zugängen zu den geschichtlichen Quellen und den Entscheidungsmöglichkeiten, einfach so mit einem Achselzucken übergehen? Reaktionen sind in Anbetracht der schrecklichen Folgen dieser meist bewussten Fehlinterpretationen des biblisch-prophetischen Wortes unerlässlich, es sei denn wir seien so sehr und so fromm verdorben, dass wir uns jeder Auseinandersetzung bewusst versperren. Eine solche folgenschwere Fehlinterpretation des biblisch-prophetischen Wortes ist auch der unlautere Bericht über den Vorhang im Tempel von Jerushalajim, der in zwei Teile zerrissen sein soll. Ein Bericht, der ein “Evangelist” vom anderen abgeschrieben hat und der, wie die meisten Berichte im sogenannten Neuen Testament, von den Kirchengründern zur Diffamierung der Juden erstellt worden ist. Die erste Erzählung finden wir bei Markus: ”Und der Vorhang des Tempels zerriss in zwei [Stücke], von oben bis unten” (Mk 15,38).

Als Jahushua von Nazareth, mit vielen anderen Juden, am römischen Marterpfahl starb, soll im Tempel der Vorhang, der das Allerheiligste vom Tempelraum trennte, ohne menschliches Zutun, in zwei Teile zerrissen worden sein. Das Allerheiligste barg im Ersten Tempel, im Tempel Shlomos, die Bundeslade. Auch im Zweiten Tempel trennte der Vorhang das Allerheiligste vom Tempelraum in dem der Räucheraltar mit den Schaubroten und den Leuchtern stand. Wiewohl im Zweiten Tempel die Bundeslade im Allerheiligsten nicht mehr vorhanden war, so wusste doch jeder gläubige Jude, welche Bedeutung das Allerheiligste darstellte. JaHuWaH teilte seinem auserwählten Volk den Sinn des Allerheiligsten durch alle seine israelitisch-jüdischen Propheten mit. So sagt er über den Propheten Shmuel: “Denn JaHuWaH sieht nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Denn der Mensch sieht auf das, was vor Augen ist, aber JaHuWaH sieht auf das Herz” (1Sam 16,7). Einfach Wunderbar! Das Allerheiligste erinnerte ununterbrochen genau an das was das Shma Israel, die JaHuWaH- und Nächstenliebe, ausmacht.

Die Kirchenväter vermitteln mit ihrer Lehre ihren Anhängern etwas äusserst Boshaftes. Das soll sitzen, darum muss es in zahllosen Varianten in den Berichten des sogenannten Neuen Testamentes erwähnt und den Anhängern eingebläut werden: Die Juden hätten nie oder einen falschen Zugang oder eine falsche Beziehung zum Abba JaHuWaH gehabt. Wir erinnern uns an dieselbe Bedeutung der Judensau! Diese Texte wurden schliesslich im 4.Jh. von Papst Damasus I., Narzist und Mörder, zum offiziellen unwiderrufbaren und unantastbaren Kanon (Glaubensrichtschnur) erhoben, der für alle Christen – bis zu dieser Stunde – zur verbindlichen Heilslehre geblieben ist. Damit wurden diese Texte dem biblischen Kanon , dem TaNaCH, nicht nur gleichgestellt, sondern übergeordnet.

Jedem denkenden Menschen der sich über Jahre gewissenhaft mit der Bibel beschäftigt und heute offene Zugänge zu den Quellen dieser Irrtümer hat, fällt auf wie verwirrend die Theologie der Kirchenväter ist, die im 4. Jh. ihre absgeschlossene Grundstruktur bekam. Gott selbst wurde Mensch. Erst der gemarterte Gott, der als Jude, in der Gestalt des Jahushua von Nazareth, sich selbst dem Gott, der er selbst war, opferte, konnte den ewigen Zorn Gottes auf die Menschen wegnehmen. Der Zugang zu diesem Gott, der selbst Mensch geworden war, wurde erst jetzt möglich.

Dieser Gott, der Mensch wurde und sich als Blut-Opfer in der Gestalt des Jesus-Gottes sich selbst opferte, versöhnte damit die ganze Welt mit sich selbst, d.h. er erlöste die ganze Welt (2Ko 5,19: “dass Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnt hat”, siehe dazu die Lehre von der Dreieinigkeit). Darum ist dieser Gott nur den Christen zugänglich und allen jenen die sich zu Jesus Christus bekehren, obwohl er alle Menschen – mit seinem alles umfassenden Qual- und Blutopfer – ein für allemal – erlöst hat! Der Vorhang zerriss will nach dem christlichen Dogma also besagen, erst jetzt ist der Zugang zu JaHuWaH offen. Die gläubigen Juden, vor der Zeit des Jahushua, sind erst rückwirkend durch das Qual- und Blutopfer Jahushuas erlöst worden. Dieser religiöse Irrwahn wird in der Schrift über die Apostel (d.h. Apostelgeschichte) so formuliert: “Und es ist in keinem anderen (als im Gott Jesus) das Heil; denn auch kein anderer Name unter dem Himmel ist den Menschen gegeben, in dem wir errettet werden müssen” (Apg 4,12). Wer die Entstehung der Dreieinigkeitslehre, die Begriffe und Erklärungen dazu etwas studiert, dem stehen, im Lichte der biblischen Zeugnisse (des Tanach), buchstäblich die Haare zu Berge!

Die Botschaft des TaNaCH, der Bibel, lautet: “Preise den JaHuWaH, meine Seele, und all mein Inneres seinen heiligen Namen! Preise JaHuWaH, meine Seele, und vergiss nicht alle seine Wohltaten! Der da vergibt alle deine Sünde, der da heilt alle deine Krankheiten. Der dein Leben erlöst aus der Grube, der dich krönt mit Gnade und Erbarmen. Der mit Gutem sättigt dein Leben. Deine Jugend erneuert sich wie bei einem Adler. JaHuWaH verschafft Gerechtigkeit und Recht allen, die bedrückt werden” (Ps 103,1-6). Das ist das Zeugnis eines Juden von seiner lebendigen Beziehung und seinem befreienden Zugang zu JaHuWaH – Jahrhunderte bevor es Christen gab. Solche Zeugnisse gibt es in der Bibel (TaNaCH) wie sand am Meer! Das schmeisst unseren früher geglaubten religiösen Irrsinn vom versöhnenden Qual- und Opferblut eines Gott-Menschen, das JaHuWaH gefordert haben soll, wie Götzengerümpel über den Haufen, das aus unseren Herzen entsorgt werden muss – in den Container am Strassenrand! (vgl. 2Kö 23,4).

In dieser wunderbaren Freude und Zuversicht grüsse ich alle herzlich und wünsche allen einen gesegneten Shabbat. Shalom!

Gregor Dalliard