„Als es aber Gott Jahweh… gefiel, seinen Sohn in mir zu offenbaren…“ (Gal 1,15-16)

Glaubensimpuls 12

Diesen Vers habe ich lange Zeit überlesen. Im Laufe der Zeit ist mir beim Bibellesen, das Gnadenwirken Jahwehs, unseres himmlischen Vaters, als Voraussetzung meines gläubig Seins so recht bewusst geworden. Das Bewusstwerden des Gnadenwirkens Jahwehs rückte meine Stellung als bibelgläubiger Mensch in ein neues Licht. Mir wurde damit meine tiefe eigene Verantwortung gegenüber Gott Jahweh, seinem Wort, den Mitmenschen und seinen Gnadengaben bewusst. Entsprechend also musste sich mein Verhalten Jahweh gegenüber ändern. Jahweh,der Geber aller Gaben (1. Mo Kap. 1; 2,1-3; Pred 2,24; Eph 2,8; 3,14-15; Jak 1,17) aber schien mir fremd. Früher prägte mich das gängige kirchliche Denken. Ich glaubte durch die sakramentalen Handlungen (Leistungen) der Kirche, des Papstes und seiner Priester, Mitglied der Kirche und damit automatisch Kind Gottes geworden zu sein, was natürlich dem biblischen Wort widerspricht.

Als ich nicht mehr katholisch war und mehrheitlich mit freikirchlichen Menschen verkehrte, hörte ich immer wieder Ausdrücke wie: „dann habe ich mich bekehrt“, „wann hast du dich bekehrt?“. Solche Aussagen verkennen die biblische Grundaussage, dass Jahweh unverdienterweise, allein aus Liebe und Gnade (Begnadigung) an uns handelt (vgl. 5. Mo 4,37; 7,6-8; 23,6; 33,3; Ps 5,8; 25,10; 89,15; Eph 2,4-5.8-9 u.a.m.). Vor allem die Psalmen sind voll des Ruhmes auf seine Gnade allein. Ohne es zu merken, bringen vor allem Glieder von Freikirchen und unabhängigen Gemeinschaften damit eine Selbstgerechtigkeit zum Ausdruck, die abstossend wirkt. Sie heben damit ungewollt ihre Bekehrungsleistung hervor, obwohl sie immer wieder das sola gratia, d.h. aus Gnade allein, betonen. Gläubig sein ist also in diesen Kreisen zuerst die Leistung, das Werk meiner Entscheidung oder zumindest die Leistung eines Priesters, Evangelisten oder sonst eines Menschen. Dieses verkehrte Denken machte sich seit dem 2. Jh. breit und wurde schliesslich zum katholischen, heilsnotwendigen Glaubensgut, das selbst von den Protestanten und Freikirchen nie ganz abgelegt worden ist. Mit dieser Praxis banden die Kirchenväter die Mitglieder an sich und machten das Heil von ihrer Theologie abhängig. Damit entzogen sie den Gläubigen ihre Eigenverantwortung.

Natürlich benutzt der himmlische Vater meistens Menschen, die uns auf ihn verweisen. Über sie lässt er uns Erwählung und Berufung erkennen. In diesem Sinn schreibt Shaul den Korinthern: „… in dem Mashiach Jahshua habe ich euch gezeugt durch das Evangelium“ (1. Kor 4,15). Auch im Brief an Philemon schreibt er über Onesimus: „… mein Kind, das ich gezeugt habe in den Fesseln“ (Phil 10). Shaul, der ultraorthodoxe Jude, ist wohl durch das Zeugnis des Stephan in eine tiefe Glaubenskriese gestürzt worden (vgl. Apg 7). Jahweh benutzt auch solche Wege, um Menschen herauszurufen. Bei seinem schrecklichen Vorhaben in Damaskus „umstrahlte ihn ein Licht aus dem Himmel und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die zu ihm sprach, Shaul, Shaul was verfolgst du mich?“ (Apg 9,4). Vor dem König Agrippa und dem Statthalter Festus bekannte Shaul dieses Zeugnis, betonte aber, dass die Stimme in hebräischer Mundart zu ihm sprach: „Als wir aber alle zur Erde niedergefallen waren, hörte ich eine Stimme in hebräischer Mundart zu mir sagen: Shaul, Shaul, was verfolgst du mich? Es ist hart für dich gegen den Stachel auszuschlagen. Ich aber sprach: Wer bist du Herr? Der Herr aber sprach: Ich bin Jahshua, den du verfolgst“ (Apg 26,14-15).

Shaul erkannte nach israelitisch-jüdischem Gedankengut, dass hier allein die Gnade des himmlischen Vaters am Werke war. Keine Erwählung, Berufung und Bekehrung kann von einem Menschen gewirkt werden (vgl. 5. Mo 7,6-8; 10,15; 4. Mo 16,4-7; Ps 33,12; 65,5; 135,4 u.a.m.). Shaul bekennt darum: „Als es aber dem (Gott Jahweh), der mich von meiner Mutterleibe an ausgewählt und durch seine Gnade berufen hat, gefiel, seinen Sohn in mir zu offenbaren, damit ich ihn unter den Israel-Nationen verkündigte…“ (Gal 1,15-16). Shaul fand von seiner extrem ultraorthodoxen Haltung zurück zur Bibel, d.h. zur Thora, Propheten und Schriften. Er forschte darin. Er zog nicht Fleisch und Blut zu Rate (vgl. Gal 1,16), d.h. er wollte den Beweis, dass der Mann aus Nazareth, der Gesalbte (der Christus) ist, nicht aus Menschenmund haben, sondern aus der langen Linie der Offenbarung in Mose, Propheten und Schriften. Darum zog er sich nach Arabien zurück (Gal 1,16b-17), um anhand dieser Schriften den Beweis für Jahshuas Messianität zu erhalten. Siehe da, er erkannte Jahshua von Nazareth als den, in diesen Schriften, längst verheissenen und bezeugten Propheten, gleich Mose, als den Gesalbten Jahwehs (vgl. 5. Mo 18,15.18; Hebr 3,1-6).

Als Diener an den verheideten Israel-Nationen bezeugte er bei seiner Auseinandersetzung innerhalb der korinthischen Gläubigen, die sich in ihrer geistigen Unreife auf ihre Lieblingsprediger beriefen: „Denn, wenn einer sagt: Ich bin des Shaul, der andere aber: Ich des Apollos; seid ihr nicht menschlich? Was ist denn Apollos? Und was ist Shaul? Diener, durch die ihr gläubig geworden seid, und zwar wie Jahweh einem jeden gegeben hat. Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen. Gott Jahweh aber hat das Wachstum gegeben. So ist weder der da pflanzt etwas, noch der da begiesst, sondern Gott Jahweh, der das Wachstum gibt. Der aber pflanzt und der begiesst sind eins… so rühme sich denn niemand im Blick auf Menschen, denn alles ist euer. Es sei Shaul oder Apollos oder Kepha, es sei Welt oder Leben oder Tod, es sei Gegenwärtiges oder Zukünftiges: alles ist euer, ihr aber seid des Mashiachs, der Mashiach ist aber Jahwehs… denn wer gibt dir einen Vorrang? Was aber hast du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber auch empfangen hast, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“ (1. Kor 3,4-8. 21-23.7).

Was zählt ist also das souveräne Handeln Jahwehs, der uns vor Grundlegung der Welt erwählt und in der Zeit herausgerufen hat (Röm 8,28-30; Eph 1,4; 1. Thes 1,4) und „der allein das Wachstum gibt“ (1. Kor 3,7). Erwählung, Berufung und Gnadengaben sind allein von Gott Jahweh gegeben „… damit niemand sich rühme“ (Eph 2,9). Wir sind also durch die Gnade, durch Erwählung und Berufung in den israelitisch-jüdischen Reichtum eingepfropft worden, „unter sie eingepfropft und der Wurzel und der Fettigkeit des Ölbaumes teilhaftig geworden“ (Röm 11,17).

Wir sind darum eingeladen und aufgefordert den Reichtum der Offenbarung an Mose, Propheten und Schriften – diesen Reichtum der Offenbarung – gemäss Offenbarung zu verwalten, d.h. kennen zu lernen und auszuleben. Jahshua, unser Haupt hat diesen Reichtum der Liebe und Gnade Jahwehs auch verwaltet und ausgelebt, so wie Jahweh ihm gegeben hat. Das ist auch unsere Aufgabe, als Miterben, Miteinverleibte und Mitteilhaber (vgl. Eph 3,6) als „Erben Jahwehs und Miterben des Mashiach“ (Röm 8,17). Im Geiste dieser verantwortungsreichen und trostvollen Teilhabe wünsche ich allen Lesern – soweit dies möglich ist – einen geruhsamen und kräftesammelnden Shabbath.

Gregor Dalliard