“Alle meine Quellen sind in dir!” Ps 87,7. Teil 5

Glaubensimpuls 306

Im letzten Gim schrieb ich: “Das irdische Königtum beinhaltet automatisch das Richteramt. Als solches stellt es die Entmündigung des einzelnen Menschen dar”. Damit einher ging immer wieder die Ausbeutung ganzer Menschengruppen. Die Menschheitsgeschichte bestätigt uns diese Tatsache zur Genüge. Selbst das israelitisch-jüdische Königtum verfiel immer wieder diesen uralten unsozialen heidnischen Praktiken. Der Prophet Shmuel war zu seiner Zeit der Hauptrichter oder Oberrichter in Israel, so wie Moshe zu seiner Zeit (vgl. 2Mo 18,19-23). Shmuel reiste von Jahr zu Jahr in ganz Israel herum und hielt Gerichte (vgl. 1Sam 7,15-17). Damit hielt er ganz Israel auf den gesunden Wegen JaHuWaHs zusammen.

Ein Richter war nicht einfach ein Mann, der nur gerecht richtete, der Recht und Gerechtigkeit übte und die Ordnungen JaHuWaHs aufrecht hielt. Zu seinem Dienst gehörte Belehrung, Beratung und Unterweisung. Er koordinierte die Abwehr feindlicher Völker und Stämme (vgl. 1Sam 7). Die Ältesten von Israel begehrten einen König, weil Shmuel seine beiden Söhne als Oberrichter über ganz Israel eingesetzt hatte. “Da versammelten sich alle Ältesten von Israel und kamen zu Shmuel nach Rama. Und sie sagten zu ihm: Siehe, du bist alt geworden, und deine Söhne wandeln nicht in deinen Wegen. Nun setze einen König über uns, damit er über uns Richter sei, wie es bei allen Nationen ist!” (1Sam 8,4-5).

Die beiden Söhne waren Richter in Be’er Sheva. Von ihnen lesen wir: “Aber seine Söhne wandelten nicht in seinen Wegen (d.h. in den Weisungen und Ordnungen JaHuWaHs) und sie suchten ihren Vorteil und nahmen Bestechungsgeschenke und beugten das Recht” (1Sam 8,3). Warum Shmuel seine korrupten Söhne als Oberrichter über Israel eingesetzt hatte, ist mir bis heute ein Rätsel. Waren die führenden Leute in den einzelnen Stammesländern (Bundesländern, Kantonen) wirklich schockiert über die korrupte Führung der neuen Oberrichter oder waren auch sie so weit von den Ordnungen JaHuWaHs entfernt, dass sie einen König begehrten weil sie sich überhaupt nicht mehr bewusst waren, was sie da vom Propheten und Richter Shmuel verlangen?

Wusste sich der alte Shmuel nicht mehr zu helfen, weil auch alle anderen Richter im ganzen Land korrupt waren, was nach 1Sam 7 fast nicht möglich sein kann? Andererseits müssen wir annehmen, dass viele bei drohenden Kriegsausbrüchen kurzfristig eine Umkehr zu den Ordnungen JaHuWaHs vollzogen, aber bei einem guten Ausgang der Dinge schnell wieder davon abfielen. Dachte Shmuel: besser korrupte Richter als ein irdisches Königtum? Hatte er die leise Hoffnung, dass er seine Söhne doch noch auf den rechten Weg bringen könnte? Sicher hatte er seine Söhne vor der Einsetzung in das hohe Richteramt ermahnt und aufgefordert die Wege JaHuWaHs zu gehen. Liess er sich von ihnen blenden? Haben sie ihm ins Gesicht gelogen, in seiner Gegenwart alles mögliche versprochen, kaum aber waren sie eingesetzt und er von ihrem Angesicht weggegangen, da trieben sie es weiter wie vorher, im Glauben, dass er in seinem hohen Alter wohl nicht mehr realisieren würde wie sie ihr Leben gestalten?

Der Wunsch nach einem König wurde von gewissen führenden Leuten immer wieder vorgebracht, auch schon zur Zeit der frühen Richter, bei der Landnahme. Der Wunsch mochte vielleicht noch so aufrichtig gewesen sein, aber er widersprach den Absichten JaHuWaHs, dem wahren Sinn der Erwählung und Berufung des auserwählten Volkes total. Der Wunsch nach einem irdischen König als Befreier, als Messias-König, war in den Augen JaHuWaHs und der Propheten nichts anderes als eine Selbsttäuschung, ein Widerstand gegen den Auftrag den JaHuWaH dem auserwählten Volke gab, nämlich die Menschheit IHM, dem wahren König JaHuWaH, zuzuführen. In Zeiten der grossen Herausforderungen und Nöte meinten viele sie bräuchten einen irdischen König, der sie befreien würde.

Diese Wünsche und Hoffnungen arteten im Laufe der Geschichte in der Erwartung eines Messias-König aus. Er würde endgültig zum bleibenden Befreiungsschlag ausholen. Vor allem zur Zeit der Gräueltat der Benjaminiter von Gibea (vgl. Ri Kap 19-21) wird der Wunsch nach einem König laut. Der Schreiber des Buches der Richter vollendet das Werk mit der Bemerkung: “In jenen Tagen war kein König in Israel. Jeder tat, was recht war in seinen Augen” (Ri 21,25). Fälschlicherweise suchten jene Leute nicht nach den tieferen Gründen bestimmter Probleme, sie liessen sich vom irdischen Königtum der Nachbarvölker täuschen.

Shmuel versuchte das Volk eindringlich von dem Begehren nach einem König abzubringen. In 1Sam 8,10-18 legt der Prophet und Richter den Ältesten den Entmündigungs- und Ausbeutungsprozess eines Königs dar. Es gelang ihm nicht mehr die Ältesten umzustimmen. Die Geschichte der Könige Israels ging aber eines Tages ein für allemal zu Ende. Das war sehr gut so. Nach dem Ende der Königszeit begann unter den Juden eine neue Ära der Beziehung zu JaHuWaH, die bis heute bei vielen Juden angehalten hat – ohne einen irdischen König. Das Königtum, das JaHuWaH ist und gehört, wird nie untergehen. Immer und immer wieder müssen und möchten wir darauf hinweisen, dass die Propheten bezeugen: “Und JaHuWaH (der HERR) wird König sein über die ganze Erde” (Sach 14,9a). Das Haus dieses Königs JaHuWaH, der Berg Zion, der Berg dieses Königs JaHuWaH, der Sohn dieses Königs JaHuWaH ist Israel (vgl. 2Mo 4,22-23). Sie führen die Völker in die Rechte, Satzungen, Ordnungen und Weisungen des Lebens hinein.

Wie Jeshajahu bezeugen auch die anderen Propheten: “Und er wird richten zwischen den Nationen und für viele Völker Recht sprechen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Speere zu Winzermessern” (Jes 2,4). Es wird sein Wort sein, das uns geschenkt ist und die Menschen zu eigenständigen und verantwortungsbewussten Menschen heranbilden lässt. Nicht umsonst lesen wir im prophetischen Wort, was wir immer wieder gerne wiederholen: “Und viele Völker und mächtige Nationen werden kommen, um JaHuWaH (den HERRN) der Heerscharen in Jerushalajim zu suchen und JaHuWaH (den HERRN) anzuflehen. So spricht JaHuWaH (der HERR) der Heerscharen: In jenen Tagen, da werden zehn Männer aus Nationen mit ganz verschiedenen Sprachen zugreifen, ja, sie werden den Tallit (Gebetsmantel) eines jüdischen Mannes ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass JaHuWaH (Gott) mit euch ist” (Sach 8,22-23).

Ja, in dieser Freude grüsse ich alle herzlich und wünsche allen einen gesegneten Shabbat. Shalon!

Gregor Dalliard