“Alle meine Quellen sind in dir!” Ps 87,7. Teil 4

Glaubensimpuls 305

Lasst uns mit viel Freude, gelassen und doch mit einer frohen Ernsthaftigkeit aus den Zusammenhängen der Thora und der Propheten weiter forschen. Als die Zwölf Stämme im verheissenen Land angesiedelt waren, drohten sie auseinanderzubrechen. Erstens verblassten bei manchen führenden Leuten Sinn und Zweck der eigentlichen Erwählung und Berufung des Volkes, nämlich die Verheissung an Abraham: “..und du sollst ein Segen sein! ..und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde!” (1Mo 12,2-3).

Die schleichende Distanz zu diesem Kernauftrag an Abraham war eine Herausforderung besonderer Art und zugleich eine Versuchung mit drohenden Folgen. Nach solanger Zeit unter ägyptischer Herrschaft waren die Israeliten nun eigene Herren und Meister im eigenen Land geworden. Sie besassen dieses Land mit der Hilfe JaHuWaHs, das war wohl allen klar. Sie richteten sich häuslich ein. Nach all den Strapazen genügte so manchem sein Wohlergehen und das seiner Sippe. Hätten wir es anders gemacht? In einer gewissen Weise scheint uns das verständlich zu sein.

Zweitens war die Eroberung des Landes in manchen Gebieten mit Krieg verbunden. Wer nun “sein” Gebiet “besass”, war nicht unbedingt willens mit jenen in den entgegengesetzten Gebieten des verheissenen Landes zur Befreiung ihres Landes mitzukämpfen, obwohl es unter den Zwölf Stämmen diesbezüglich bindende Vereinbarungen gab. Die schleichende Entfernung vom Auftrag JaHuWaHs an Abraham fand einen ihrer Höhepunkte im Wunsch nach einem König, so wie alle Stadtstaaten und Völker damals unter der Führung eines Königs – als Richter – standen. Die Gründe, die zu einem König führten werden uns in 1Sam 8 überliefert. Während der Prophet Shmuel (Samuel) auf den Wegen JaHuWaHs ging und danach als Richter im ganzen Land tätig war, weil ihm die Verheissung an Abraham heilig war, scheinen seine Söhne davon nichts mehr wissen zu wollen. Im letzten Gim sind wir kurz darauf eingegangen.

Vom Anfang seiner Schöpfung an hatte JaHuWaH den einzelnen Menschen als mündig vor sich erschaffen. Der Mensch sollte allein vor JaHuWaH, seinem Schöpfer, stehen und für sein persönliches Leben volle Verantwortung – in der Gemeinschaft von anderen Menschen – übernehmen. JaHuWaH hilft ihm dabei, wird für ihn zur Quelle des Lebens, zur Lebensgewissheit und -sicherheit, zur inneren und äusseren Ruhe, zum Frieden. In diese verlorene Mündigkeit sollte Israel hineinwachsen und dann alle Völker da hinein führen. Wie das gehen soll sehen wir anhand der Worte des Propheten Jirmejahu 7,3-7. Die Bibel ist voll solcher Hinweise. Richter und Propheten achteten darauf (vgl. 1Sam 7,15-17).

Das auserwählte Volk wurde in sehr sozialer Weise von Richtern geführt. Dieses Lebensmodell wurde auf den Rat von Moshes Schwiegervater hin von Moshe eingeführt (vgl. 2Mo 18). Israel sollte nie das Konzept einer irdisch-heidnischen Ordnung übernehmen, Das irdische Königtum beinhaltet automatisch das Richteramt. Als solches stellt es die Entmündigung des einzelnen Menschen dar. Ein Horror für JaHuWaH, seine Richter und Propheten! Was sagte JaHuWaH dem Richter und Propheten Shmuel, nachdem führende Männer das irdische Königtum als Richteramt über das Volk begehrten? (vgl. 1Sam 8,5).

“JaHuWaH aber sprach zu Shmuel: Höre auf die Stimme des Volkes in allem, was sie dir sagen! Denn nicht dich haben sie verworfen, sondern mich haben sie verworfen, dass ich nicht König über sie sein soll” (1Sam 8,7). Den Richtern und Propheten Israels war klar: JaHuWaH allein ist König! Nur in und aus seiner Offenbarung ist ein gesundes und heilsames Richten möglich: “So spricht JaHuWaH (HERR), der König Israels und sein Erlöser, der JaHuWaH (HERR) der Heerscharen: Ich bin der Erste und bin der Letzte, und ausser mir gibt es keinen Erlöser (Gott) (Jes 44,6). Damit ist eigentlich alles gesagt. Wenn ein Königtum in Israel, dann muss es irgendwann auch wieder verschwinden, so war es denn auch!

Wie im letzten Gim angedeutet wollte JaHuWaH auch nie einen Tempel. Der Prophet Nathan musste David eine entsprechende Antwort überbringen: “Geh hin und sage zu meinem Knecht David: So spricht JaHuWaH: Nicht du sollst mir das Haus zur Wohnung bauen! Wahrhaftig, nie habe ich in einem Haus gewohnt von dem Tag an, als ich Israel heraufgeführt habe, bis zum heutigen Tag; sondern ich bin von Zelt zu Zelt und von Wohnung zu Wohnung umhergezogen. In der ganzen Zeit, die ich in ganz Israel umhergezogen bin, habe ich da jemals zu einem der Richter Israels, dem ich gebot, mein Volk zu weiden, ein Wort geredet und gesagt: Warum habt ihr mir nicht ein Haus aus Zedern gebaut?” (1Chr 17,4-6).

Auch hier begegnen wir derselben Situation wie beim Begehren eines Königs. JaHuWaH entspricht dem Wunsch Davids, obwohl er nicht einverstanden ist mit diesem Begehren. Darum lässt er David ausrichten: “So verkündige ich dir nun, dass JaHuWaH dir ein Haus bauen wird” (1Chr 17,10). Die meisten Bibelausleger meinen, JaHuWaH hätte damit ein äusserlich sichtbares Königtum eingesetzt, ein ewig bleibendes, das am Ende der Tage in einem Messias-König in Erscheinung treten werde. Mit seiner Aussage aber meint und bestätigt JaHuWaH nichts anderes als was er Abraham verheissen hat: “..und du sollst ein Segen sein! ..und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde!” (1Mo 12,2-3).

Die Propheten lehren unmissverständlich, dass am Ende der Tage JaHuWaH König sein wird, so z.B. der Prophet Sacharjahu, wenn er von dieser Zeit spricht: “Und JaHuWaH (der HERR) wird König sein über die ganze Erde; an jenem Tag wird JaHuWaH (der HERR) einzig sein und sein Name einzig” (Sach 14,9). “Und es wird geschehen: Alle Übriggebliebenen von allen Nationen, die gegen Jerushalajim gekommen sind, die werden Jahr für Jahr hinaufziehen, um den König, den JaHuWaH der Heerscharen, anzubeten und das Laubhüttenfest zu feiern. Und es wird geschehen, wenn eines von den Geschlechtern der Erde nicht nach Jerushalajim hinaufziehen wird, um den König, den JaHuWaH der Heerscharen, anzubeten: über diese wird kein Regen kommen” (Sach 1416-17).

Wir sprachen im letzten Gim von der Sprache der biblischen Propheten, die in vielen uns fremden Weisen, in Gleichnissen, Bildern, Bildreden, Typologien, Metaphern, Vergleichen u.a.m. diese schlichte und doch so tiefgründige und umfassende Verheissung an Abraham darstellen. All diese Weisen der Umschreibungen, diese Vergleiche, wollen immer auf das hinweisen, was allen Menschen zum Segen sein soll und werden wird, wie wir z.B. in Jer 7,3-7 lesen. Das kann nicht genug betont werden. Das gesamtprophetische Wort lässt keine anderen Schlüsse zu. Sie dürfen nicht wörtlich verstanden werden. Wie wir sagten, sie wollen auf das Wesentliche hinweisen. Diese Vergleiche haben über Teile des jüdischen Volkes, die sich auf die Vergleiche konzentrierten, bei ihnen stehen blieben, sich damit in überfrommer Weise auf das Äussere fixierten, im Laufe der Geschichte unvorstellbares Leid gebracht. Sie blieben bei den Vergleichen, den Bildreden.. stehen. Diese hinderten sie nach dem zu streben was JaHuWaH und seine Propheten damit für den praktischen Alltag meinten. Darum riefen sie immer wieder sogenannte Messias-Könige aus.

Dasselbe praktizieren die Christen, deren Gründer von diesem jüdischen Gedankengut verführt, aus Jahushua von Nazareth einen Messias-König Namens Jesus Christus machten, von dem sie glauben, dass er kommen wird in Macht und Herrlichkeit. Er soll ein endzeitliches Reich aufrichten, ihm werden alle unterworfen werden, ihn werden alle Völker als König anbeten. Alle Menschen werden dann Christen sein. Doch diese absurde Lehre widerspricht dem prophetischen Wort ganz und gar.

Ein solcher Vergleich, eine solche Bildrede ist z.B. Sacharjahu 9,9-10: “Juble laut, Tochter Zion, jauchze, Tochter Jerushalajim! Siehe, dein König kommt zu dir: Gerecht und siegreich ist er, demütig und auf einem Esel reitend, und zwar auf einem Fohlen, einem Jungen der Eselin. Und ich rotte die Streitwagen aus Ephraim und die Pferde aus Jerushalajim aus, und der Kriegsbogen wird ausgerottet. Und er verkündet Frieden den Nationen. Und seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer und vom Strom bis an die Enden der Erde” (Sach 9,9-10). Damit ist im gesamtprophetischen Zusammenhang niemand anders gemeint als JaHuWaH selbst, der die Verheissung an Abraham zur Erfüllung bringen wird. Die Formulierung, der Vergleich, das Bild mit der Eselin: “demütig und auf einem Esel reitend, und zwar auf einem Fohlen, einem Jungen der Eselin”, drückt das gerechte und gleichzeitig barmherzige Wesen JaHuWaHs in einer Weise aus, die damals wie heute jeder verstehen kann, der im prophetischen Wort eingebettet ist.

Von Herzen wünsche ich allen gesegnete Tage und einen erholsamen Shabbat. Shalom!

Gregor Dalliard